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Nr. 24 A.H. Francke an Ph.J. Speriet 22. 3. 1692

Gottes meldet, vergießet deswegen mannichmahl seine Trähnen, und betet zu Gott, welches denn ein solcher anfang ist, daß ich hoffe, es werde sein

20 hertz in Ihm je mehr und mehr erwecket, und in der Gnade Gottes je mehr und mehr bevestiget werden, daß er auch ein recht neues wesen des Geistes schmecke. Er kommet gar schwer dazu, daß er den Grund seines hertzens und den eigentlichen zustand seiner Seelen einem entdecket, da ich doch mercke, daß es ihm nicht wenig nutzen bringe, wenn er nach eigener Eröffnung guten

25 Rath empfanget. Ich habe ihm getreulich gerathen, daß er für demselben als seinem geliebten Vater den zustand seines hertzens nur recht frey eröffnen, und guten Rath annehmen solle.

Der andere 9 führet seinen wandel gar fein und christlich fort, ist gesonnen seine Stube zu nechst an mir zu nehmen, welches ich auch sehr bequem

30 und dienlich für ihn finde sonderlich wegen Herrn Wagners'" und Zimmer­manns 1 1 Gesellschafft, da er doch auch dem Gebet und anderen Übungen in meinem hause gar wol und bequemlich wird beywohnen können, wird auch wohl mit an meinem Tische speisen können, wie er selbst verlangen traget. Finde sonst in meiner wohnung auch zum wenigsten diesen Sommer über gar

35 bequeme Gelegenheit, den Maximilian 12 zu accommodiren. Die Fr. Lingkin 13 wolte auch gern einen Sohn her thun. 14 Da sie denn zusammen könten informiret werden. Weil, wie ich vernehme, die Frau Doctorin 13 selbst nach den Feyertagen herüber kommet 16 , wird in allen diesem gute anstalt können gemacht, und abrede genommen werden. Es ist mir sonst in allem Glauche

40 recht bequem eine gute Schule zu ziehen. 17 Der Herr wird sein Gedeyen und väterlichen Seegen dazu verleyhen.

Herr Weidenhayn Pfarrer zu Schloß Vippach 18 , jetzo vocatus Hoffprediger

9 Wilhelm Ludwig Spener (s. Brief Nr. 16, Anm. 7).

111 Wohl Christoph Sigismund Wagner (6.10.1670-5.3.1746), geb. in Vachdorf; 1689 Studium in Erfurt, 1692 Aufenthalt in Halle; 1709 Rektor in Wasungen, 1719 Pfarrer in Friedeishausen/ Thüringen (Auskunft LKA Eisenach; Matrikel Erfurt, H. 10, 138; Blaufuss, 142f. 173. 184 [Stammbucheintragung Halle, 13.3.1692]).

11 Möglicherweise Conrad Zimmermann (s. Brief Nr. 20, Anm. 14).

12 Christian Maximilian Spener (s. Brief Nr. 21, Anm. 8). Francke hatte schon im Februar erfahren, daß auch dieser Sohn Speners nach Halle komme solle (s. Brief Nr. 21, Z. 1418).

13 Wohl Johanna Margarethe Lingk (Linck) (s. Brief Nr. 12, Anm. 26).

14 Vgl. die entsprechende Anfrage von [Johanna Margarethe (?)] Lingk an Francke, Dresden, 25.4.1692 (SBPrKB, Nachlaß Francke, Kaps. 14: 1). Der Name des Sohnes ist nicht genannt.

13 Susanne Spener (s. Brief Nr. 15, Anm. 16).

16 Frau Spener kam nach Ostern nach Halle (Kramer, Beiträge, 191).

17 Offensichtlich handelt es sich um die früheste schriftlich geäußerte Erwägung Franckes, in Glaucha pädagogisch tätig zu werden. Diese Absicht steht im Kontrast zu der Tatsache, daß es in Glaucha zu diesem Zeitpunkt durchaus eine Schule gab (vgl. V. Albrecht-Birkner, Francke in Glaucha. Kehrseiten eines Klischees [1692-1704], Halle/Saale 2004 [Hallesche Forschungen, 15], v.a. 140.

18 Caspar Johann Weidenhain (5.1.1664-27.12.1728), geb. in St. Katharinen/ Estland; 1688 Pfarrer in Schloßvippach bei Erfurt, 1692 Hofprediger und Prinzenerzieher in Weimar, 1694 Dekan in Kaltennordheim, 1697 Dekan in Coburg, 1699 Dekan in Neustadt bei Coburg, 1708 Pfarrer der Stadtkirche in Aisleben (Pfarrerbuch Erfurt, 58. 326). - 1691/92 war in Erfurt eine