Nr. 60 A.H. Francke an Ph.J. Spener 10. 12. 1692
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bloßen Natur zuschreiben wer da wil, ich halte daß Gott auff solche weise anfange seine wunder kund zu thun, und noch immer herrlicher herfur- brechen werde. 35
Vielleicht wird man noch endlich die catalepsin 2 " für eine contagion 21 halten. Die Anna Maria 22 hält man noch auff hiesigem rathhause under der cur der medicorum 23 , hactenus, wie sie, die Anna Maria, saget, sine successu.
Was diejenigen, so Herrn Wolthers 24 zugethan von der erwehnten prae- fation halten, hab ich noch nichft] vernommen, wil sonst gerne, so etwas 40 vernehme, davon Nachricht geben. 25
Die Beylage 26 , weil ichs selbst nur also aufffs] papir geworffen, so viel ich mich eigentlich erinnern können, und keine abschrifft davon behalten, bitte ich ohnschwer bey Gelegenheit zu remittiren.
In Gotha hat man einen Kürsnefr] 27 eingezogen von wegen des Paßquills, 45 so auff den Superintendenten 28 gemachet, und einem prediger ins hauß geworffen worden 29 , und meynet man es werde ihm wohl durch Urthel die
37 under der ] in der: D. 40 nich[t]: cj. 42 auffjsj: cj. 45 Kürsne[r|: cj. ] Kürschner: D.
20 Als Catalepsis (von griech. xai:oi}i<x(j.ß<zvw = ergreifen, überfallen, treffen) oder auch Apoplexia bezeichnete man üblicherweise Krankheiten, die mit einem abrupt einsetzenden scheinbar tiefen Schlaf und damit verbunden dem plötzlichen Abbruch aller Bewegungen sowie dem Verlust jeglicher Sinneswahrnehmung einhergingen (Schlag- oder Schlafkrankheiten), wobei anhand der Bezeichnung ,,Gottes=Hand" für die Erkrankung schon seit der Antike diskutiert wurde, ob man hier insbesondere eine göttliche Ursache anzunehmen habe (Zedier 2, 905—911; 5, 1412f). — Anfang November hatte der Arzt Friedrich Hoffmann (s. Brief Nr. 22, Anm. 56) seine soeben erschienene Dissertation unter dem Titel „De Affectu Cataleptico Rarissimo [...]", Frankfurt 1692, in der er aufgrund von Beobachtungen vor allem an der Ekstatikerin Magdalena Elrichs (s. Brief Nr. 16, Anm. 47) die Ekstasen als Katalepsien beschrieben hatte, u.a. in Halle verbreitet (vgl. Breithaupt an Spener, 12.11.1692, AFSt/H D 88: 37-38).
21 Lat. Berührung, Ansteckung.
22 Anna Maria Schuchart (s. Brief Nr. 22, Anm. 15).
23 Johann Christian Olearius (s. Anm. 10) hatte gemäß kurfürstlichem Auftrag vom 5./8.11. (s. Brief Nr. 57, Anm. 19) am 14.11. zusammen mit zwei Ärzten Schuchart untersucht, worüber er am 18.11. der Regierung berichtet und vorgeschlagen hatte, sie im Rathaus in ihrem Christentum zu unterrichten und von Ärzten kurieren zu lassen (AFSt/H D 92: 330—332 [Lit. D 2]). Vermutlich war Schuchart am 21.11., nachdem sowohl Gottfried von Jena (s. Brief Nr. 16, Anm. 11) als auch von Seckendorf (s. Anm. 8) Olearius' Vorschlag zugestimmt hatten (vgl. von Seckendorf an von Jena, 21.11.1692, D 92: 229f [Lit. D 1]), in das Rathaus gebracht worden.
24 Christian Theodor Wolters (s. Brief Nr. 16, Anm. 20).
25 Zu Speners diesbezüglicher Nachfrage s. Brief Nr. 59, Z. 53—59. 2,1 S. Anm. 19.
27 Nicht ermittelt. - Der Kürschner wurde in Ableitung von Kürsen bzw. Kürse (= Pelzkleid) auch als Kürsner bezeichnet (DWB 11, 2819-2822).
28 Heinrich Fergen (s. Brief Nr. 10, Anm. 3).
29 Aufgrund des Einflusses des Diakons Johann Conrad Hack (s. Brief Nr. 38, Anm. 23) war die Gothaer Bevölkerung gegen den Superintendenten und überhaupt gegen die Geistlichkeit aufgebracht worden und verfaßte zwei Pasquillen, von denen eines ins Haus Hacks und das andere in das des Archidiakons Tobias Dürrfeld (14.8.1630-7.9.1700, seit 1675 Archidiakon in Gotha,