Nr. 64 AM. Francke an Ph.J. Später 20. 12. 1692

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angesicht soll getragen werden, so muß ich in ein dancken ausbrechen, daß er mein hertz so feste gemachet hat, daß ich ne quidem scrupulum conscientiae besorgen. Ich kan nicht einmahl mit meinem Gemüthe zur deliberation de 2» affirmativa kommen. Auch ist die Gelegenheit hieselbst dem Herrn zu dienen augenscheinlich größer, da man unter studiosis immer ein neu Auditorium hat und dem gantzen Lande dienet, ist auch hier der anfang noch zu schwach, und brauchet befestigung. Mein successor 9 soll seyn, wieder den Calbenses protestiren, und seines wandels wegen, so viel ich verstanden, Ursache zu 25 haben meynen. So wäre ich wol ein rechter miedling, wenn ich also ohne mir bewusten befehl meines Erzhirtens meine Schäfflein verließe. 10 Ich habe nach Herrn Kr[aut] geschicket mit ihm zu reden, er ist aber nicht zu hause funden. Ipse faciet.

Unsern lieben Vater von Seckendorff 11 haben wir nun aus dieser zeitlich- 30 keit verlohren am Sontage früh da die Glocke 7 geschlagen, u. also die Kirche eben angangen, in welcher effectus commissionis publiciret worden 12 , wie er sich denn auch gleich nach geendigter commission geklaget 13 . Weil er selbst wie auch andere sein Ende nicht vermuthet, ist von den geistlichen niemand bey ihn gewesen, da er auch niemand gerne für sich gelaßen aus besorgung 35 mit gravioribus molestiret zu werden. Herr D. Breithfaupt] 14 aber ist zu 2 mahlen bey ihme gewesen, da er sonderlich zuletzt nemlich Sonnabends sich in gar christlichen Umständen u. reden finden laßen. Der Herr sey für alles hochgelobet, der uns ja seine wunderhand krafftig genug hat hierunter zu er­kennen gegeben. Er wird auch schon ferner rathen und helffen, ob wol dieser 40 Streich nicht ohne sein verhängniß viel Veränderung mitbringen dörffte. Gestern hat Herr Strieck 15 uns Professores convociret, haben wegen des Pro­grammatis, Parentation, Carminum, Leichbegleitung abrede genommen. 16

41 verhängniß ( verhängl..(?).

9 Wohl Bernhard Friedrich Zieritz (um 1640-begr. 18.5.1701), geb. in Küstrin; 1650 Studi­um in Frankfurt/Oder, 1660 in Wittenberg; 1673 Pfarrer in Jerichow, 1687 in Altenweddingen; seit 1697 Superintendent in Kyritz (Auskunft Pfarrerkartei der KPS; Matrikel Frankfurt 2, 18; Pfarrerbuch Brandenburg II/2, 995). Zieritz wurde wohl als Kandidat für Calbe oder Glaucha gehandelt: Spener berichtet von Zieritz' Vorhaben, eine Probepredigt als Substitut des Inspektors in Calbe zu halten (s. Brief Nr. 67, Z. 1012); Francke warnt vor ihm als möglichem Nachfolger in Glaucha (s. Brief Nr. 69, Z. 25-31).

10 Vgl. Joh 10,12f.

11 Veit Ludwig von Seckendorf (s. Brief Nr. 1, Anm. 4).

12 Zur Abkündigung der Ergebnisse der Untersuchungskommission von den Kanzeln s. Brief Nr. 62, Anm. 5.

13 Transitiver Gebrauch (einen klagen") im Sinne vonbeklagen" (vgl. DWB 11, 917).

14 Joachim Justus Breithaupt (s. Brief Nr. 7, Anm. 36).

15 Samuel Stryck (s. Brief Nr. 31, Anm. 21).

16 Nachdem das Universitätsprogramm am 27.12. verlesen worden war (Programma [...] Ad Funus Per-Illustri atque Excellentissimo Domino, Domino Vito Ludovico ä Seckendorf [...], [Halle 1692]), wurde der Leichnam Seckendorfs am 29.12. nach Meuselwitz überführt;