Nr. 68 Ph.J, Spener an A.H. Francke 31.12.1692

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nicht wider lebendig worden, so doch das wort des Herrn, wie es heißen solle, angezeigt, und die gantze absieht der schrifft drauff gehet. 5 3. Sihet man keinen nutzen der schrifft an einen todten, wo sie der witwe insinuiret wird 6 : da vielmehr 4. solches gegen die liebe zustreiten scheinet. Und 5. den 20 andern tag die vergeblich vorgehabte gesundmachung einer Jüdin 7 vollends allen credit verdorben hat. Ich kan nicht sagen, wie perplex mich die sache mache, sovielmehr weil ich sorgen muß, das mich nicht auff diese oder jene seite versündigen möge, wann ich davon zu antworten gehalten werde 8 , und man mit meiner etco^y) 9 sich nicht vergnügen will, sondern weiter treibet. 25 Hier bedarff so sehr alß jemal Christlicher brüder raths u. gebets. Sölten die dinge, so extraordinär heißen sollen 10 , nicht drein gekommen sein, so hätte vor das Studium pietatis trefflichen u. ungehinderten fortgang gehofft. Aber diese Sachen scheinen alles zu hemmen. Nun er ist der Herr, u. hat macht zu verhengen was er will 11 , wir müßen unsre hand auff den mund legen u. 30 schweigen 12 . Womit göttlicher gütigen obhut u. regirung empfehlende ver­bleibe

Meines wehrtesten Bruders zu gebet u. liebe williger Phfilipp] J[acob] Spener D. Mppria

Berlin den 31. Xbr 1692. 35

auszuwandern gilt, symptomatisch für die sich von der Kirche entfernende, radikale Form des Pietismus wird (zurHure Babylon" vgl. Brief Nr. 7, Aura. 10).

5Ich habe dich erhoeret/ daß er ist wiederkommen/ [...]/ in das Haus der Suenden/ darinnen er sich hat anbeten lassen/ und wird bleiben in dem Hause/ biß [...] in den Hahnen- geschrey/ denn soll mein Zorn ihn abdruecken/ [...] in den Abgrund." (Ausführliche Be­schreibung, 129).

6 Die Botschaft war der Witwe Wurtzler übergeben worden (Ausführliche Beschreibung, 130f).

7 Am Freitag, 23.12.1692, hatte Jahn in einer erneuten Versammlung im Hause Schlütte (s. Brief Nr. 67, Anm. 9) befohlen, die sog.dicke Juden=Frau" (Ausführliche Beschreibung, 131) aus der Judengasse herbeizuholen, damit sie ein Wunder an ihr tun könne. Nach anfänglichem Zögern folgte die offenbar an einer Wucherung im Unterleib leidende Frau zusammen mit einigen weiteren Juden der Einladung. Jahns an die Jüdin gerichtete Offenbarung, die zu deren Heilung und in der Erwartung der Versammelten wohl zur Geburt des Messias zum Weihnachts­fest führen sollte, dauerte etwa 154 Stunden und stieß bei den Juden auf Unverständnis (Ausführ­liche Beschreibung, 131138).

8 Spener mußte damit rechnen, daß die Berliner Regierung das ausschlaggebende Gutachten in der Sache von ihm fordern würde (vgl. Brief Nr. 71, Z. 324).

9 Griech. Zurückhaltung des Urteils, Skepsis.

111 Wann erstmalig der Begriffextraordinär" auf die Ereignisse um die ekstatischen Frauen der frühen 90er Jahre angewendet wurde, ist nicht klar; Witt führt als Beleg dafür, daß es sich um einen zeitgenössischen Ausdruck handelt, den vorliegenden Brief Speners an (Witt, 14).

11 Vgl. Mt 20,15.

12 Vgl. Hi 29,9.