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Nr. 88 AM. Franke an Pli.J. Spater 4. 2. \694
15 wäre, dabey sich der liebe Mann einer göttlichen vocation nicht gar wol versichern könte.
2. Sehen sie vor äugen, daß ein wolff an seine Stelle kommen würde, und großes Unheyl unter den Schaffen in Quedlinburg anrichten 8 , und das ohne dem in schlechten Zustand gerathene StifFt noch mehr ruiniren, wie denn
2o Götze sich dessen schon selbst vernehmen lassen p.
3. Ist Gott der Herr in Quedlinburg sehr über diesen Mann gepriesen worden, und hat ihm Gott bey hohen und niedrigen, welches gar offenbahr ist eine sehr große thür auffgethan, daß auch diejenigen, welche vorhin wied- rig gewesen, das wort von Ihm mit Liebe und demuth annehmen. Wolte man
25 ihnen nun diesen Mann wieder nehmen, so wäre es als ob man das Kind in der Gebührt erstickete, und dasjenige was Gott angefangen zu pflantzen mit Gewalt umrisse. Diese Ursachen begreiffen die andern in sich, welche sie vorbringen, und kan ich wol versichern, daß sie voller angst und Furcht sind, und recht erschrecken, wenn sie davon hören, daß man ihnen den Mann nehmen
3o wil. Ich glaube auch daß das Capittel selbst deswegen schreiben werde 9 (Abbatissa 10 ausgenommen) in dem Gott dem Manne einen großen Eingang bey Ihnen allen gegeben. Ich habe meines Orts hiemit nur thun wollen, was mir befohlen worden. Mein theurester Vater wird selbst am besten prüffen, wie weit er sich der Sache anzunehmen, wiewol ich von Grund des Hertzens
35 mit den Quedlinburgern einig bin, und nicht glaube, daß der Herr Lüdersen sie verlassen könne. Die Zeit leidet es nicht, sonst möchte ich gern etwas schreiben von dem großen Segen, den mir der Herr jüngst in Quedlinburg verliehen". Doch halte ich Herr Scharschmid werde es gethan haben. 12 Dem
8 Vgl.Joh 10,12.
Ein entsprechendes Schreiben konnte nicht nachgewiesen werden. 10 Anna Dorothea von Sachsen-Weimar (s. Brief Nr. 14, Anm. 2).
" Francke bezieht sich auf seine am 2. So.n.Ep. (14.1.) 1694 in Quedlinburg gehaltene Predigt, die noch im Marz 1694 gedruckt wurde unter dem Titel: Quedlinburgisches Zeugniß/ Oder Predigt Von der Offenbahrung der Herrlichkeit Christi/ Uber das Evangelium Joh. II. v. 1.—11. Am II. Sont. nach Epiphan. In der Quedlinburgischen Schloß-Kirchen bey zufaelliger Gelegenheit/ auff geschehene Ansuchung abgeleget/ Und m etwas erweitert zum Druck gegeben Von M. Aug. Hermann Francken [...], Halle [1694] (vgl. Francke-Bibliographie Nr. E 4.1-4; Wiederabdruck in Francke, Predigten 1, 78—116; Johann Heinrich Sprögel an Francke, Quedlinburg, 24.4.1694, AFSt/H C 251: 9; Sophia Maria von Stammer an Francke, [31(?)].3.1694, AFSt/H C 274: 26). — Francke widmete die Predigt der Quedlinburger Äbtissin (s. Anm. 10) wohl in der Absicht, vor allem sie zu gewinnen (vgl. Brief Nr. 73, Anm. 8). Belegt ist allerdings nur die positive Reaktion der Pröpstin (s. Anm. 1), die ohnehin eine Förderin der Quedlinburger pietistischen Bewegung war (vgl. Brief Nr. 73, Z. 16—19 und Anna Magdalena von Wurm an Francke, 3.4.1694, AFSt/H A 130 a : 17).
12 Ein entsprechender Brief des Quedlinburger Advokaten und Sekretärs des Stiftshauptmanns [C.F. (?)] Scharschmidt wurde nicht ermittelt. Scharschmidt gehörte zum Kern der separatistisch-pietistischen Gemeinde Quedlinburgs (Schulz, 82. 204. 249; vgl. Johann Samuel Scharschmidt an seinen Bruder, C.F. Scharschmidt, Königlich Geheimer Rat in Quedlinburg, Moscau, 23.11.1712, AFSt/H C 296: 84).