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Nr. 109 AM. Francke an Ph.J. Spener 8. 10. 1695

andern recommendiret zu werden. Ist in artibus liberalibus wol capabel genug, aber sonst nicht so beschaffen, daß ich vor meine Person ihn salva conscientia zu recommendiren getrauete, wiewol ich ihm sonst alles gutes gönne. Habe ihm doch nicht versagen können sein Anliegen zu melden.

Christoff Schenckels des Würtenbergischen Weingärtners, der vor etwa 2 Jahren in meinem Hause hieselbst gestorben 9 , seiner Wittwen 10 bitte ohn- schwer durch den famulum 11 melden zu laßen, daß ich von ihrem Sohne 12 keine weitere Nachricht habe, als daß er von dem Zoller 13 weggelauffen, nachdem er vorhero in meinem Hause über deßen hartes tractement ge­klaget. 14 Diesem Zoller habe ich hier in unterschiedenen Dingen zugeredet, sonderlich wegen meines theuresten Vaters, von dem Er übel gesprochen, unter andern deßen Liebste 15 habe 3 Vi tausend thaler auff rente gethan, aber da er 4 thaler leyhen wollen habe mans ihm versa[get(?)], habe nie audience

9 Christoph Schenkel (s. Brief Nr. 86, Anm. 4).

10 Die offensichtlich in Berlin lebende Witwe Christoph Schenkels.

11 Johann Müller (s. Brief Nr. 86, Z. 3f).

12 Wohl Johann Christoph Schenkel (Schenckel) aus Württemberg, der um 1696/97 in das Hallesche Waisenhaus aufgenommen wurde und von dort zu Christoph II. Saalfeld (s. Brief Nr. 32, Anm. 33) kam (Waisenalbum, 42, Nr. 248 [ohne Angabe der Namen der Eltern und des Geburtsjahres]).

13 Johann Jakob Zoller, ein aus Worms stammender Lutheraner, der sich seit 1689 zunächst bei der französischen Armee, 1692 u.a. in Dresden und bei Maria Sophie von Reichenbach (s. Brief Nr. 16, Anm. 22) in Jahnishausen, 1693 bei Johann Heinrich Horb (s. Brief Nr. 7, Anm. 6) in Hamburg und bei Spener, dem er die Hamburger Akten überbrachte, in Berlin, danach erneut in Dresden und schließlich in Wittenberg, spätestens 1697 wieder in Hamburg aufhielt. Nach seiner eigenen, in Beantwortung von Samuel Schelwigs (s. Brief Nr. 105, Anm. 9) Itinerarium Antipietisticum (s. Brief Nr. 79, Anm. 3) verfaßten Darstellung errichtete Zoller - selbst ständig vom Bettel lebend mit Hilfe von Spenden u.a. der jeweiligen Kurfürstenfrauen 1693 in Berlin und Dresden Spitäler für Arme und Waisen; ein entsprechender Versuch in Wittenberg scheiterte (JJ. Zoller, Kurtze Beschreibung seines Wandels und vornehmster Begebenheiten/ So er Nach Einaescherung seiner Geburtsstadt Wormbs 1689. biß daher in seinem Exilio gehabt/ Und denn darauff Eine kurtze und einfaeltige Verantwortung auf das/ was ihn Herr D. Samuel Schelwig/ in seinem so genannten ITINERARIO ANTIPIETISTICO beschuldigt/ [...], Halle u. Bran­denburg 1696; den.: Unvorgreifflicher Vorschlag, auff was Art und Weise, in allen Städten und Ländern, so wohl die Einheimischen, als auch die Ausländischen mit Nutzen der Eingesessenen und Reichen, können reichlich versorget werden [...], [Hamburg] 1697). Nach Schelwigs Dar­stellung stammte die Idee der Armen- und Waisenbetreuung verbunden mit dem Verzicht auf Anhäufung von Kapital von Johann Caspar Schade (s. Brief Nr. 19, Anm. 12). Schelwig betont zudem, daß weder Schade noch Spener Zoller in der entstandenen Geldnot geholfen hätten und daß dieser inzwischen gestanden habe,daß er bey der Pietisterey mehr als dreyssig mal/ um nicht weiter zu suendigen/ sich erhencken wollen" (Itinerarium, 21f). Zoller weist Schelwigs Darstellung zurück; Schade erklärt in seiner SpenersGewissensrüge" angefügten Verteidigungs­schrift vom 3. Advent 1695 bezüglich Zoller, daß es nicht wahr sei, daß er diesem das Fasten vorgeschlagen habe, um darüber nachzudenken, wozu dieser seine 100 Taler anwenden solle (Ph. J. Spener, An Hn. D. Samuel Schelwigen/ [...] Gerichtete Gewissens=Ruege/ [...] [s. Brief Nr. 115, Anm. 10], 39).

14 Der Sohn der Witwe Schenckel ist vermutlich Zögling in einem der von Zoller gegründeten Spitäler (vgl. Anm. 13) gewesen.

15 Susanne Spener (s. Brief Nr. 15, Anm. 16).