Nr. 206 Ph.J. Spener an AM. Francke 10.4.1700

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Das schreiben wegen der meßgewande und exorcismi 7 anlangende, werden 20 die rationes, die darzu anleitung gegeben, bey billichen gemüthern dieselbe wol deßen versichern, daß was geschehen, gute meinung gehabt habe, aber wer den gegenwärtigen zustand der menschen, mit denen mans zuthun hat, zeit und ort betrachtet, wird es gleichwol also ansehen, daß damit den wid­rigen die erwünschte gelegenheit zu schaden gegeben worden, und also 25 billicher unterbleiben sollen, wie ich, damal befraget, es auffs hertzlichste mißrathen haben würde. Dann da die dinge an sich selbs nicht sündlich, wie dann der exorcismus, wo die formula catachrestica 8 ex interpretatione Ecclesiae nostrae verstanden wird, tolerabel, so ist alles ungemach dabey dem jenigen nicht zuvergleichen, was auß der abschaffung zu sorgen und 30 gewiß erfolget. 9 Unser Christliche und rechschaffne Herr geh[eimer] Rath von Schweinitz 10 , von dem bekant, das ers redlich mit Gottes reich meinet, hatte es erst zu anfang der wochen hier von jemand erfahren, das dergleichen geschehen wäre, darüber sich aber extreme ereiffert, so mir Herr Baron von Canstein 11 erzehlte, ihn aber damit begütigt hatte, das sie die sache selbs wider 35 annehmen wolten: ich dachte es gut zu machen 12 , und sandte ihm deswegen das schreiben 13 , er ist aber fast unwillig worden, daß solche widerannehmung erst auff den nothfall und befehl gesetzet würde. Gegen das argument wegen freylaßung des exorcismi bey den predigern, die sich ein gewißen drüber machten, setzte er mir gestern entgegen, das hinwider der eitern gewißen 40 auch geschohnet werden müßte, die ihre kinder nach der gemeinen ge- wohnheit getaufet haben wollen. Ich sorge, es bekräfftige ihn dieses mehr und mehr, nicht leicht einen studiosum von Halle, wo er zu sprechen hat, zu befordern, weil man von denselben immer sorgen müßte, das sie durch die exempel gewöhnet würden, sich an keine hergebrachte kirchencerimonien zu 45 binden, darvon nachmal lauter Zerrüttung u. folglich mehrere niderschlagung des guten zu sorgen.

22 habe ( haben. 43 /nicht leicht/.

7 Franckes Brief an Paul von Fuchs (s. Anm. 19) vom 3.4.1700 (s. Brief Nr. 205, Anm. 21).

8 Griech. in uneigentlicher Bedeutung [des Wortes] gebraucht; mißbraucht.

9 Die Auffassung, daß die von Luther beibehaltene exorzistische Formel wegen ihrer Mißver- ständlichkeit (effektiv als Teilgabe an der Neugeburt, die eigentlich erst mit der Taufe geschieht) und Härte nur mit Erklärungen verwendet werden dürfe, hatte sich in der lutherischen Ortho­doxie schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts durchgesetzt (vgl. Art. Exorzismus II, in: TRE 10, 750-756, hier 754f). Einer Abschaffung der Formel im Luthertum hatte v.a. die konfessionelle Abgrenzung gegen die Calvinisten im Weg gestanden. Spener hielt wegen dieses seiner Meinung nach nicht aufhebbaren Unterschiedes zwischen den protestantischen Konfessionen den Exorzis­mus trotz der Gefahr von Mißverständnissen und Mißbrauch unter Rücksicht auf die Schwachen in der Gemeinde für unentbehrlich (vgl. BriefNr. 172, Z. 16-25 und Anm. 12; Bed. 1, 161-171. 207; 3, 378-380 u.ö.).

111 Georg Rudolph von Schweinitz (s. Brief Nr. 30, Anm. 5). 1 ' Carl Hildebrand von Canstein (s. Brief Nr. 143, Anm. 1).

12 Vgl. Gen 50,20a.

13 S. Anm. 7.