Nr. 216 A.H. Francke an Ph.J. Später 15. 5. 1700

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Nun kommet Probst Müller 25 nach Jena als Prozessor] Theologiae. Wäre das nun nicht eine erwünschte Gelegenheit einen Probst und General-Super­intendenten in einer Person nach Magdeburg zu setzen, da man so gar um die salarirung nicht bekümmert seyn dörffte? 26 Ach daß darunter nichts ver- 30 säumet werde! Ja daß es Herr Dr. Fischer seyn möchte, wiewol ich an ihm noch keine Neigung dazu spüren kan, und ja auch außer dem Willen unsres himmlischen Vaters nichts begehren mag. Aber das beste des Landes lieget mir sehr an. Herr Haßel 27 zu Coburg ist mir auch eingefallen. Es ist ja wol nicht leicht einen zu einem zu großen Werck zu finden. Gott helffe uns. 35

Herr Abt Wolfart 28 ist jetzo hier, mit dem ich bey 2 Stunden gestern ge­sprochen, wie ich hoffe nicht ohne Segen und zu hoffender frucht. Wer an Herrn Merschiers 29 stelle kommet 30 , daran wird hier im Werck des Herrn viel gelegen seyn. Mit den Herrn ministerialibus habe ich nun Gott lob wieder eine offene thür frey und als für Gott umzugehen. Ich bitte mir die 40 Krafft des Herrn zu erbitten, daß ich einen und den andern durch eine ein­dringende Liebe zur beute davon kriege, wie ich festiglich hoffe, u. darnach ringen werde.

Hiemit verharre

Meines theur[esten] Vaters und hochwehrtesten Herrn Gevatters Gebeth- 45 schuldigster]

A[ugust] H[ermann] Francke. Mppria.

Halle den 15. Maj. 1700.

Monsieur Mons[ieur] le Docteur Spener ä Berlin.

25 Philipp Müller (s. Brief Nr. 143, Anm. 22).

26 Die Berufung Müllers zum Theologieprofessor nach Jena wurde mindestens seit Oktober 1699 diskutiert (s. Briefe Nr. 178, Z. 52-54 und Anm. 24 und Nr. 179, Z. 31-34). Mit dem Inter­esse, Fischer zum Propst am Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg einzusetzen, wuchs das Engagement Speners, Georg Rudolph von Schweinitz' (s. Brief Nr. 30, Anm. 5) und vor allem Carl Hildebrand von Cansteins (s. Brief Nr. 143, Anm. 1) für die Berufung Müllers nach Jena. Der Weggang Müllers konnte dennoch erst im Jahre 1702 durch die Zahlung einer Abfindung in Höhe von 300 Talern durch von Canstein an Müller durchgesetzt werden (vgl. von Canstein an Francke, 7.2.1702, Canstein/Francke, 149-151, hier 149f).

27 Johann Heinrich Hassel (s. Brief Nr. 22, Anm. 25).

28 Friedrich Simon Wolfart (18.8.1650-13.3.1709), geb. in Mainbernheim; 1673 Studium in Wittenberg, 1676 Magister, 1679 Adjunkt, 1682 Dekan der philos. Fakultät ebd.; 1686 Abt des Klosters Berge und Landschaftsassessor in Magdeburg, 1687 zudem Inspektor des Klosters Marienborn und 1689 des Konvents in Hillersleben (Matrikel Wittenberg, 379; Zedier 58, 881f; Auskunft Pfarrerkartei der KPS).

29 Jakob Merchier (s. Brief Nr. 210, Anm. 14).

30 Nachfolger von Merchier wurde am 3.11.1700 Karl Konrad Achenbach (26.8.1656- 21.3.1720), geb. in Kreuznach; 1684 Hofprediger in Heidelberg, 1686 2. Prediger an der Kloster­kirche, 1689 an der Heiliggeistkirche ebd.; 1700 1. reformierter Hofprediger und Konsistorialrat in Halle, ab 1702 in Berlin, ab 1709 zudem Kirchenrat und ab 1713 Mitglied des reformierten Kirchendirektoriums (DBA 3, 247-249; Jöcher EB 1, 151; Dreyhaupt 2, 572; Gabriel, 307f).