Nr. 221 A.H. Francke an Ph.J. Spener 2. 6. 1700
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Von den motibus an den Rhein=quartiren 12 habe ich manche Nachricht. 13 Sie haben Halle, so viel mir wißend, in gar ungleichem concept. 14 Herr Horch 15 hat ex custodia einen Brief an mich geschrieben, den er nennet Maranatha 16 . Er ist gedruckt, mein Name ist aber nicht exprimiret. Darinnen ist ihr concept, den sie von mir und meinen Anstalten haben, auch ziemlich zu sehen 17 ; so mich aber wenig irret. Sie setzen, so viel ichs erkennen kann, das Haupt=werck in der Separation. Gott bringe alles in heilige Schrancken.
So viel jetzo unter großer überhäuffung. Verharre
Meines th[euresten] Vaters Gebethschbaldigster]
A[ugust] H[ermann] Francke. Mppria.
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12 Zu den Vorgängen v.a. in Berleburg s. Brief Nr. 220, Z. 33-40 und Anm. 19.
13 Francke hatte einen anonym verfaßten Bericht über die Ereignisse in Berleburg vom 8.4. bis 1.5.1700 erhalten (AFSt/HD 84: 196-217). Der vom Amt suspendierte Pfarrer Dietrich Otto Schmitz aus Berleburg hatte Francke am 17.5.1700 v.a. seine Ansichten über dessen Werk mitgeteilt (AFSt/H D 42: 278-281; vgl. Renkewitz, 129f und Anm. 14).
14 Schmitz berichtet Francke in seinem Schreiben von einer Offenbarung im Gebet, nach der Franckes Werke vor Gott nicht vollkommen seien (Schmitz an Francke [s. Anm. 13]). Sie stünden vielmehr der Aufrichtung des Reiches Gottes im Wege, weil Francke „an Babel nur flicken und pflastern, aber nicht nieder reißen" würde (278) und die Kirche „aufF Policey arth und nach Satzungen regieren" wolle (281). Schmitz kündigt Francke für den Fall, daß dieser nicht „starck geläutert und gereiniget werde" (278), harte Strafen Gottes an (279. 281). Zugleich fordert er Francke auf, den brandenburgischen Kurfürsten dahin zu bewegen, daß dieser die „bedrängten und verjagten kinder Zions" unter seinen Schutz stelle (280). - Im Gegensatz zu diesem Schreiben äußert Schmitz sich in einem Brief vom 27.12.1700 positiv und dankbar über Franckes Werk (AFSt/H D 42: 290f; vgl. Renkewitz, 130, Anm. 115).
15 Heinrich Horch (Horche) (l.[?]12.1652-5.8.1729), geb. in Eschwege; ab 1670 Studium der Philosophie und Mathematik, Theologie und Medizin in Marburg und Bremen; 1683 Diakon an der Heilig-Geist-Kirche in Heidelberg, 1685 Hofprediger in Kreuznach; 1686 Dr. theol. in Heidelberg, 1687 3. Pfarrer an der Heilig-Geist-Kirche ebd.; 1689 Pfarrer der deutschreformierten Gemeinde in Frankfurt a.M., 1690 Pfarrer und Prof. theol. an der Hohen Schule in Herborn; 1697 Suspension vom Amt wegen kirchenfeindlicher und chiliastischer Lehren, die bis 1700 z.T. von aggressivem und autoaggressivem Verhalten begleitet waren; seit 1698 als Wanderprediger Aufenthalt u.a. in Offenbach/Main, Eschwege, Marburg an der Lahn, Kassel, Herborn und Berleburg, von November 1699 bis August 1700 Haft auf dem Marburger Schloß; 1701—1707 Reisen in die Niederlande und England; ab 1708 Aufenthalt meist in Kirchhain bei Marburg (DBA 567, 336-348; ADB 13, 124f; NDB 9, 623f; Jöcher EB 2, 2138-2141; BBKL 2, 1056f; RGG 4 3, 1900f; Matrikel Marburg, 76; Renkewitz, 91-94. 138 u.ö.; Dellsperger, 117-121; Schneider 1, 395. 407-409. 413 u.ö.; Temme, 82-105. 155f u.ö.). - Briefliche Kontakte Horchs zu Francke sind seit Mai 1699 nachweisbar (AFSt/H C 90: 4-6).
16 H. Horch, MARANATHA Oder Zukunfft des Herrn zum Gericht/ und seinem herrlichen Reiche/ welches ist die Hochzeit des Lammes/ In einem Send=Schreiben An Einen Bruder/ Aus seiner Gefangenschafft, [Marburg, 19.4.1700]. — Horch hatte Francke das Sendschreiben offenbar bereits in der gedruckten Fassung als Beilage zu einem am 1.5.1700 auf Schloß Marburg verfaßten Brief (AFSt/H C 90: 7) zugesandt.
17 Horch warnt Francke ähnlich wie Schmitz (s. Anm. 13f) vor dem bevorstehenden Gericht und fordert ihn auf, die „Wercke der Eigenheit" abzulegen, nur noch Gott zu Gefallen zu leben und sich selbst zu richten und zu läutern (Horch, Maranatha [s. Anm. 16], 7).