Manche sehen wir und kennen sie dennoch nicht. Und umgekehrt kennen wir manche und sehen sie dennoch nicht. Zu diesen gehörst für mich auch du, ein echter Freund in Christus, und das ist mir allgemein ein Grund zur Freude. Du hast dich mir aber mehr als einmal bekannt gemacht, besonders in dieser deiner Tätigkeit, die du mit unserem hochberühmten Francke betrieben hast, was dazu geführt hat, dass auch ich diese Gegend betrat. Von neuem wurdest du mir unlängst durch deinen Brief bekannt, für den ich danke, zugleich verwundert mich aber, dass mein Brief vom Oktober des vergangenen Jahres dir noch nicht übergeben worden ist, den ich doch Herrn Elers nach Narva geschickt hatte, damit er ihn weiterbefördert. Der Rat, den du gibst, die russische Sprache zu erlernen, ist gewiss sehr gut, doch habe ich meinen Geist anfangs durchaus auf sie gerichtet, nun aber fast gänzlich von ihr abgezogen, und das daher, weil ich auf vielfache Art verlockt worden bin, nach Narva zurückzukehren, wo die Lage so ist, dass sie mich, wie man berichtet, als Außerordentlichen Pastor zu sich berufen. Das führt dazu, dass ich die Hand noch von jener russischen Tafel lasse und erst einmal abwarte, wohin mich die göttliche Vorsehung treiben wird. Denn bevor man sieht, zu welcher Tätigkeit jemand bestimmt wird, wird oft vieles in Angriff genommen, das besser unangetastet geblieben wäre, damit nicht, weil man sich mit zu vielem beschäftigt, der Sinn für das einzelne geschwächt wird. Ziel ist das rechte Maß, sowohl in allen Dingen als auch in denen, die man lernen muss. Gott aber sei Lob für diese Gnade, die er mir jetzt schon reichlich hier an diesem Ort erwiesen hat und die sich, wie ich hoffe, noch reicher ergießen wird. Herr Pastor Schrader lebte bis jetzt unglücklich in seiner Ehe mit einer Tochter Herrn Kellermanns, wobei sie eine ewige Säge des Streits zwischen sich hin und her zogen. Was den Tisch angeht, lebt er bereits von seiner Ehefrau getrennt. Doch hat diese Streitsäge zwischen ihnen dazu geführt, dass er die Wahrheit, die in Christus Jesus liegt, tiefer bedenkt, einsieht und behandelt. Unter dem Kreuz ruht und wirkt erfolgreich jener Geist der Wahrheit, der noch immer in einigen verstümmelten Leprakranken in Frankreich wohnt, wie wir mit Freude von dir hören. Gewiss sendet das himmlische Licht Gott zum Lobe beinahe überall einige Strahlen seines Glanzes aus. O wenn doch dieses Feuer, um dessen Entfachung willen Christus in die Welt gekommen ist, schon jetzt wieder überall in voller Flamme brennen würde! – – Dass diese unsere große Sendung, deren Ruf sich, wie man sagt, längst über Europa verbreitet hat, vieles hierher mit sich bringt, was dem Reiche Christi nützen wird, darum wollen wir tief ergeben bitten. – –
Übersetzung: Thomas Hübner
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Scharschmidt Übersetzung S. 642
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