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Überaus geliebter Freund in Christus!
Aus einem Brief meines teuersten Francke habe ich erfahren, dass du in Moskau angekommen und dort freundlich empfangen worden bist von Herrn Dr. Blumentrost, den ich freundlichst von mir zu grüßen bitte zusammen mit seiner ganzen Familie.
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Möge Gott wirken, dass die in jene entlegene Gegend unternommene Reise für dich so erfolgreich ausgeht, dass du am Ende begreifst, dass sie dir den Anlass geboten hat, nach deinem Aufenthalt in dieser irdischen Heimat umso glücklicher in die ewige aufzubrechen. Die Zeugnisse, die mir Francke über dich geschrieben hat, machen mir große Hoffnung, dass dir die Förderung der Ehre Gottes und der Gewinn für das Reich Christi mehr am Herzen liegen als eigene Interessen, ja ich erwarte Dinge von dir, die christliche Denkart mit großer Freude erfüllen müssen. Ich hätte gewünscht, dass du meine Einführung in die russische Grammatik gehabt hättest, um dir die Arbeit beim Studium jener Sprache zu erleichtern, die für dich so nötig ist. Ich hoffe jedoch, dass du von dem einen oder anderen Freund ein Exemplar davon leihweise erhalten hast. Nachdem du die ersten Grundlagen aufgenommen hast, wirst du erfolgreicher fortfahren können, und ich würde raten, dass du dich an die Lektüre der Werke gewöhnst, die Simeon Polozki in Prosa geschrieben hat; wie dessen Stil mehr an die Alltagssprache angelehnt ist, so wird er dir von größerem Nutzen sein können. Sieh zu, dass du, soweit es möglich ist, Freundschaft pflegst mit – – Wie die Lage der Kirche in Deutschland ist, werden dir ohne Zweifel andere darlegen. Fast nichts lässt der Geist der Finsternis in dieser Gegend unversucht, um die Kirche zu erobern, wobei überall die Grundsätze der Sozinianer, Atheisten und Sadduzäer aufflammen. Durch vielfältige Vortäuschungen von Gottesbesessenheit ist die wahre Erleuchtung durch den göttlichen Geist gar vielen verächtlich gemacht worden. Die überaus gütige Macht Gottes wird jedoch ihre kleine und beinahe unterliegende Herde nicht im Stich lassen, wie ich Anzeichen eines aus den Trümmern der Kirche wieder lebendig werdenden Geistes zu sehen glaube. Ein Franzose namens Brousson, der einst Rechtsanwalt am Parlament von Toulouse war und nun mit glühendem Eifer für den Dienst an der Kirche angetan ist, hat mir erzählt, er habe im vergangenen Jahr allerlei Provinzen Frankreichs durchwandert, um die Wahrheit zu predigen und unter der ihrer Pastoren [= Hirten] beraubten Herde die Sakramente zu verwalten, und dabei größere Frömmigkeit und größere Erkenntnis vorgefunden als vor der Verfolgung, auch seien einige Anhänger des Papstes dazu bewegt worden, den protestantischen Glauben gutzuheißen. Unter den Papstanhängern selbst beginnt sich eine wahrhaftigere Vorstellung vom Christentum zu verbreiten als die, die von äußerlichen Verrichtungen bestimmt ist, die den Interessen des Klerus dienen. – – Möge Gott wirken, dass seine Wahrheit demnächst über die Lüge triumphiert und so sehr glänzt, dass alle Völker dahin gebracht werden, dass sie im Lichte des Herrn wandeln. Lebe wohl und sei mit göttlicher Hilfe erfolgreich!
Übersetzung: Thomas Hübner
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