Scharschmidt Übersetzung S. 688-688b

[688]
Ich habe einen und noch einen weiteren Brief von dir erhalten, für den ich die bisher schuldig gebliebene Antwort jetzt erbringe und zugleich anzeige, dass ich den einen aus Amsterdam geschriebenen und den anderen in Halle gegebenen Brief ungefähr zur Zeit meines Eintreffens hier (in Narva) im vorigen Monat erhalten, aber den, den ein armenischer Kaufmann überbringen sollte, und jenen, in dem du geschrieben hattest, dass du zu Francke reisen werdest,

[687b]
noch nicht gesehen habe. Ich würde mich aber ärgern, wenn irgendeiner von deinen mir immer überaus lieben Briefen unterginge und nicht vielmehr früher oder später zugestellt würde. Über deine glückliche Wohngemeinschaft, die du in Halle gegründet hast, und dein dortiges Verweilen in diesem Winter freue ich mich von Herzen und beglückwünsche dich dazu, und ich bitte die Macht Gottes flehentlich darum, dass du jene Freude, deren Vorgeschmack du in der Hallenser Goldgrube bekommst, auf ewig genießt. Ich glaube eure tägliche gegenseitige Erbauung, die Leidenschaft des Geistes in jeder Beziehung und die von Tag zu Tag wachsende Liebe zu sehen, die aus dem Quell Israels "mit Beharrlichkeit" reichlich erwächst. Sorge dafür, du teure Seele, dass auch durch deine Arbeit, deinen Rat und wie auch immer du dazu beitragen kannst, euer lieblichster Garten, der sich in Halle befindet, weiter bepflanzt, bewässert und auf vielerlei Art geziert und so auf lange Zeit bewahrt wird. Es fehlte nicht viel, dass Blumentrost junior zu dir gekommen wäre, aber irgendwie kam es dazu, dass dessen alter, ehrwürdiger Vater seinen Plan änderte und ihm auftrug, nach Königsberg zu gehen, obwohl er sich doch immer außerordentlich gefreut hat, wenn er mich über Halle erzählen hörte, wie es dort tatsächlich war. Ich hoffe aber, dass sich seine Meinung bald ändern wird, da er jetzt schon von mir durch einen Brief erfahren hat, dass auch du, sein willkommenster Freund, in Halle lebst, dem seinen Sohn anvertraut zu haben ihn niemals reuen wird. Ich begleitete ihn auf der Reise bis nach Nowgorod; von dort kehrte ich, nachdem ich ein Jahr lang darum gebeten worden war, mit Gottes Hilfe endlich in diese Gegend zurück und erwartete nichts weiter, als dass "der Wille Gottes" weiter geschehe, dem sich ganz und gar unterworfen zu haben gewiss im Himmel zu leben heißt. Moskau versuchte mich auf vielerlei Art zurückzuhalten und drohte mich zurückzuholen, in welche Gegend auch immer ich mich begeben haben werde. Die Bürgerschaft hier, der Senat und das Konsistorium streben, wenn nicht insgesamt, so doch größtenteils danach, dass ich hier in einem kirchlichen Amt lande. Deshalb habe ich eine Predigt gehalten und bin aufgefordert worden, übermorgen, so Gott will, eine zweite zu halten. Die Prüfung, der ich mich noch unterziehen muss, fürchte ich zwar um Gottes willen nicht; aber ich spüre jetzt schon meine Glieder zittern, wenn ich bedenke, dass in dieser Gegend jemand kaum in Dienst gestellt werden kann, falls er nicht die Hände ausstreckt [zum Eid] auf allerlei Bekenntnisschriften und darauf, die kirchliche Festberechnung in jeder Hinsicht einzuhalten, worin jedoch einiges begegnet, was noch sorgfältig erwogen werden muss und hernach vielleicht zweifelhaft bleiben wird. Ich vertraue aber diese ganze Sache und alle meine übrigen Angelegenheiten und Bemühungen, ja mich insgesamt der göttlichen Vorsehung an, die alles so lenken wird, dass ich beruhigt sein kann, weil mein Fuß nicht anstößt. Denn der Höchste hat verheißen, dass er uns in aller Wahrheit führen werde. Herr Dr. Fischer hat sich entschlossen, in diesem Monat nach Deutschland zu reisen, nachdem er vor einigen Tagen die Universität in Dorpat besichtigt hat,

[688b]
wo er, wie Herr Prof. Dau berichtet, wegen meines Weggangs aus Moskau sein Haupt schüttelte. Aber was soll man machen, es geschieht selten, dass selbst die größten Verehrer Gottes beim Erteilen von Ratschlägen in einer derartigen Angelegenheit wie der meinigen übereinstimmen. Daher überlassen diejenigen, die dabei Zweifelhaftes eingehender zu durchdenken pflegen, die Sache der eigenen "Prüfung". Am sichersten wird dann der Weg beschritten (wenn wir doch niemals davon abweichen würden!), eifrig nur zu Gott zu beten und dieses "Gut" von ihm zu erlangen, nämlich "dass das Herz durch Gnade sicher gemacht wird." – – Lebe wohl und lebe glücklich, wo du lebst! Lebe im Herrn! Lebe wohl! Gegeben in Narva.

Übersetzung: Thomas Hübner

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