Einführung
Francke hat sich erst nach einigem Zögern entschließen können, ein Gemeindepfarramt in der nach seinem Urteil vom Verfall gekennzeichneten evangelischen Kirche zu übernehmen (vgl. Lebensnachrichten, a.a.O., S.73). Sobald er jedoch in Erfurt und dann in Halle in der praktischen Gemeindearbeit mit den Verfallserscheinungen des kirchlichen Lebens konfrontiert worden war, hat er sich tatkräftig um die Beseitigung aller Mängel bemüht. Er war kein gefühlsseliger Schwärmer oder individualistischer Separatist, sondern ein gläubiger Realist, der sich den konkreten Fragen seiner Zeit gestellt hat.
Seine Grundgedanken über eine Gemeindereform hat er im Jahre 1693 im „Glau- chischen Gedenkbüchlein“ zusammengefaßt. In dieser Schrift ging es ihm vor allem um das richtige Verhältnis der Gemeinde zur Wortverkündigung. Die andere, für den Pietismus ebenso brennende Frage nach der rechten Ordnung von Beichte und Abendmahl hat er hier zurückgestellt. Sie wird zusammenfassend in den „Mißbräuchen des Beichtstuhls“ erörtert. Seine Forderungen, die er auch in einer Reihe von Kampfpredigten ausgesprochen hat (vgl. vorl. Ausg., S. 304ff.), haben in den ersten Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen mit der orthodoxen Geistlichkeit geführt. Die Akten der dadurch veranlaßten Untersuchungskommissionen und Gemeindevisitationen spiegeln in eindrücklicher Weise die Ziele und Erfolge der Bemühungen Franckes wider (Akten im Archiv der Franckeschen Stiftungen; vgl. Auszüge bei Kramer, Neue Beiträge, S.6£f.; ders., Vier Briefe, S.28ff.).
Francke hat sich jedoch nicht mit einer Reform der Einzelgemeinde begnügt. Die Eigentümlichkeit seiner Reformarbeit bestand gerade darin, daß er bei der Überwindung der konkreten Mängel stets das große Ziel einer universalen Reform der Christenheit vor Augen hatte. Die Einsicht in die Nöte der Gemeinde zu Glaucha führte ihn zur Armenpflege. Daraus erwuchs die Gründung der Schulen und des Waisenhauses. Beides, seine Gemeinde- und Erziehungsarbeit, verband sich mit neuen Plänen zur Reform des theologischen Studiums. Alles zielte schließlich darauf hin, Halle zu einem Pflanzgarten für die Verbesserung der Kirche in der ganzen Welt zu machen. Die umfassende Darstellung der universalen Reformpläne Franckes, der sogenannte „Große Aufsatz“, liegt bereits in einer mustergültigen wissenschaftlichen Edition vor: „August Hermann Franckes Schrift über eine Reform des Erziehungsund Bildungswesens als Ausgangspunkt einer geistlichen und sozialen Neuordnung der Evangelischen Kirche des 18. Jahrhunderts. Der große Aufsatz“, mit einer quellenkundlichen Einführung hrsg. von Otto Podczeck, Berlin 1962. Wir bieten hier die eindrucksvollste Kurzfassung dieser Pläne, das „Proiect zu einem Seminario universali“ aus dem Jahre 1701.