Nachwort
I.
Bedeutende Theologen der letzten beiden Jahrhunderte, Vertreter der lutherischen Orthodoxie und der theologischen Aufklärung, des positiven und des liberalen Protestantismus, der idealistischen und der dialektischen Theologie, haben harte Urteile über den Pietismus gefällt. Im 18. Jahrhundert hat Valentin Ernst Löscher in seinem Timotheus verinus schwerwiegende Einwände gegen das malum pietisti- cum erhoben. Im 19. Jahrhundert hat Albrecht Ritsehl in seiner „Geschichte des Pietismus“ eine vernichtende Analyse der pietistischen Gedankenwelt vorgenommen. Im 20. Jahrhundert schließlich hat der einflußreichste Theologe der neuesten Zeit, Karl Barth, in den entscheidenden Jahren seiner Wirksamkeit das Verdammungsurteil über den Pietismus bekräftigt. Unter dem Eindruck dieser Kritik hat sich in weiten Kreisen der evangelischen Christenheit die Meinung gebildet, daß der Pietismus der protestantischen Theologie und Kirche einen schweren Schaden zugefügt habe.
Indessen haben die Kräfte des Pietismus in der Stille fortgewirkt, teils im Rahmen einer innerkirchlichen Erweckungsbewegung und im Bündnis mit Männern der kirchlichen Orthodoxie, teils in der Erfahrungstheologie des 19. Jahrhunderts, in den theologischen Systemen Friedrich Schleiermachers, August Neanders, August Tholucks sowie der Erlanger Joh. Christian Konrad v. Hofmann und Franz H. Reinhold Frank. Eine tiefere Würdigung des Pietismus wurde allerdings erst durch drei Faktoren möglich, durch die Lutherrenaissance, die neuere historisch-kritische Wertung des Spiritualismus und die ökumenische Bewegung.
Die Lutherrenaissance in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts hat bewirkt, daß an die Stelle des traditionellen, konfessionell geformten Lutherbildes das echte Bild Luthers trat. Zahlreiche Forschungsarbeiten ließen erkennen, daß die Anschauungen des Reformators umfassender, spannungsreicher und farbiger sind als die Lehren des orthodoxen Luthertums. Es wurde deutlich, daß die dynamische, wirklichkeitsnahe Theologie Luthers der lebendigen Verkündigung der Apostel näher steht als die orthodoxe Dialektik. Das führte weiter zu der Einsicht, daß die Gedanken Luthers, insbesondere die genuinen Ideen des jungen Luther, den Pietismus auf mannigfachen Wegen beeinflußt haben und von ihm, gewiß oft genug in einem produktiven Mißverstehen, umgedeutet und neu verstanden worden sind.
Dazu kam ein wachsendes Interesse am Spiritualismus, an seinen mystischen, humanistischen und naturphilosophischen Voraussetzungen und an seinen mannigfaltigen Ausstrahlungen. Die Mystiker des Mittelalters und die Spiritualisten des 16. und 17. Jahrhunderts wurden erneut Gegenstand einer sorgfältigen historisch- kritischen Forschung. Gleichzeitig hat die Geschichtswissenschaft ihr Augenmerk in größerem Maße als zuvor auf die Ketzer des Mittelalters, auf Wiclef, Hus und die Böhmischen Brüder, auf Thomas Müntzer und die sozialkritischen Außenseiter des Protestantismus gerichtet, die alle mehr oder weniger von spiritualistischen Kräften beeinflußt sind und dem organisierten Kirchentum kritisch gegenüberstehen. Manche dogmatisch, konfessionell und kirchenpolitisch bedingten Vorurteile konnten beseitigt werden. Die neue Wertung des mystischen Spiritualismus machte auch ein tieferes Verständnis des Pietismus möglich, der von ihm starke Impulse empfangen hat.