Vorwort
VII
z. T. scharfen Kirchenzuchtmaßnahmen in der Glauchaer Gemeinde auf Widerstand stieß, konnte Francke vor allem durch seine Beziehungen zum Berliner Hof sämtliche Gefahrdungen seines Konzepts letztlich erfolgreich abwehren. Dies ist vor allem auf dem Hintergrund der Tatsache, daß er mit seinem Konzept in Leipzig und in Erfurt bereits gescheitert war, bemerkenswert. Es kann festgestellt werden, daß die Verbindung der Ideen Franckes mit den Interessen des Berliner Hofs und die Gründung der Universität Halle, die diese Verbindung in gewisser Weise verkörpert, Voraussetzung dafür waren, daß sich ein Pietismus hallischer Prägung überhaupt entwickeln konnte.
In diesen Zusammenhang gehören Aufschlüsse über die Genese der Idee einer weltweiten „Generalreformation" auf der Basis der in Glaucha gegründeten Schulanstalt. Mehrfach ist ein zeitlicher Zusammenhang zwischen der Ausweitung gedanklicher und praktischer Aktivität mit frustrierenden Erfahrungen vor Ort erkennbar. Zu einem Zeitpunkt, als Francke akzeptieren mußte, daß sich sein theologischer und pädagogischer Ansatz in seiner Glauchaer Gemeinde nur sehr bedingt durchsetzen ließ, begann er mit dem Bau des Waisenhauses als einer Anstalt, in der tatsächlich Menschen nach seinen Vorstellungen geformt werden sollten (1698). Zum Zeitpunkt des zweiten großen Untersuchungsverfahrens wegen Heterodoxieverdachts gegen ihn entstand das „Projekt" einer „Verbesserung" der Welt von Halle aus (1700). Eine Ausweitung weltweiter Beziehungen, die missionarische Aktivität, Diplomatie und Kommerz durch den Handel v.a. mit Büchern und Medikamenten verbanden, auf Skandinavien, das Baltikum, das petrinische Rußland, die Niederlande und England wurde gedanklich und praktisch vorbereitet.
Diese Beobachtungen sind nicht nur für den Pietismus hallischer Prägung von Bedeutung. Sie beleuchten anthropologische und soziologische Konstellationen, die für die Frage nach den Proprien dessen, was theologie- und geistesgeschichtlich als „Pietismus" bezeichnet werden kann, generell aufschlußreich sind. Dies gilt zumal auf dem Hintergrund der Tatsache, daß sich Francke in dem Zeitraum, in den der Briefwechsel fällt (1689—1704), von einer deutlichen Neigung zu Frömmigkeitsformen, die sich weder kirchlich noch gesellschaftlich etablieren konnten, abwandte und zu den beschriebenen, allerseits anerkannten Praxisformen von Glauben gelangte. Innerhalb der Glauchaer Schulanstalt selbst entzweite sich im Laufe der Jahre ein der Frömmigkeit des Anfangs eher treu bleibender Flügel von Francke, je mehr sich seine „Projekte" etablierten.
Das Verhältnis zwischen Spener als dem Begründer des Pietismus und Francke als dem ersten großen Praktiker dieser Erneuerungsbewegung war — so macht es der kommentierte Briefwechsel deutlich — keineswegs so harmonisch, wie das bisher angenommen wurde. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich Brüche, die sich in längerem Schweigen der Briefpartner ausdrücken, sprechen diplomatische Formulierungen Speners die Sprache harter Kritik. Aus diesen Beobachtungen ergibt sich die Frage, welche Rolle Francke für die