Nr. 7 A.H. Francke an Ph.J. Spener 15. 7. 1690

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Allhier 27 wachset die Frucht durch den Seegen des Herrn. An den lieben kindern finde meine hertzens lust. Viele sind gar begierig und freudig zum 45 guten, haben sich auch von selbst aufF meiner Stuben offeriret, sie wolten sich gerne aus der Predigt examiniren lassen. Bey den erwachsenen aüsserts sich auch. 28 Der Herr wird das hertz der Eltern zu den Kindern bekehren. Mein collegium, so ich mit denen studiosis in lateinischer] Spr[ache] halte, wachset täglich, und finden sich auch noch immer von fremden Orten einige herbey. 29 50 Satanas und sein Pharisäischer Geist sollen das pfiantzen unsers Vaters nicht hindern, sondern vielmehr befordern. Ich suche nicht für mich dieses oder jenes zu thun, sondern stehe durch die Gnade des Herrn in kindlicher Gelas­senheit, so aber der Herr etwas durch mich elenden wurm 30 thun will, so will ichs gerne thun, und nicht durch menschliche Furcht oder Klugheit, wie es 55 namen haben mag, den lauff des worts hemmen, und will dann auch drüber leiden, was die hand des Herrn über mich beschlossen hat. Sein Name sey hochgebenedeyet, er macht es wol, der treue Vater. Mit Herrn M. Hessen' 1 lebe in brüderlichem vertrauen, und hertzlicher Verbindung mit gesamter hand das werck des Herrn zu treiben. 60

Herr L. Hintze 32 ist nicht mehr hier. Herr M. Süsse 33 , wird verhoffentlich

45 meine ] meines: D.

nen Kirchen=Unruhen" (SUB Göttingen, Acta Pietistica VII,5) zählt Johann Melchior Stenger (s. Brief Nr. 36, Anm. 1) auch Bechmann zu den Pietisten (aaO, S. [11]).

27 Francke berichtet im folgenden über die Ereignisse in Erfurt, wo er seit dem 2.6.1690 als Diakon an der Augustinerkirche amtierte.

2H Es handelte sich zunächst um eine Gruppe von 8- bis 9jährigen Schülerinnen der Mäd­chenschule, in der Francke als Inspektor tätig war, die sich zur Privatunterweisung im Pfarrhaus einfanden. Im Laufe der Zeit entstand neben dem von Breithaupt (s. Anm. 36) in der Prediger­gemeinde gehaltenen ein Collegium pietatis bei Francke in der Augustinergemeinde. Zudem ließ sich Francke zu ähnlichen Versammlungen in die Häuser einladen (Kramer, Beiträge, 84tf; Wallmann, Theologie und Frömmigkeit, 339).

Vor allem aus Jena, aber auch aus Leipzig kamen Studenten Franckes wegen nach Erfurt. Francke hielt für diese verschiedene Privatcollegien. Die Studenten verdingten sich oft als Pri­vatlehrer in Erfurter Haushalten und waren als solche offenbar sehr begehrt (Kramer, Beiträge, 96ff).

30 Vgl. Ps 22,7. In diesem und dem folgenden Satz klingt überhaupt der Ductus von Ps 22 an.

31 Johann Sylvester Hesse (26.4.165230.1.1721), geb. in Sömmerda; 1669 Studium in Erfurt; 1679 Diakon der Bonifatiusgemeinde in Sömmerda, 1683 Diakon der Augustinergemeinde in Erfurt, 1684 Pastor ebd. (Pfarrerbuch Erfurt, 186; Kramer 1, 71; Biereye 1, 45. 53; 2, 29f). Francke lebte während seines gesamten Erfurter Aufenthaltes im Hause von Hesse und geriet in Fragen der Beichtpraxis mit ihm in Streit.

32 Wohl Gregor Hintze aus Stade, dessen Brief vom 11.12.1693 an Francke überliefert ist (AFSt/H C 68:1). Dieser könnte identisch sein mit dem Gregor Hintze (Georg Hinz, gest. nach 1725), der 1687 in Altdorf Lic. jur. geworden war, 1690 in Jena publizierte und später als Advokat in Hamburg lebte (DBA 540, 311f. 419; G. Hintze, Disputatio juridica inauguralis De successione claudicante [...], Altdorf 1687; ders., Coniugium feudalitium [...], Jena 1690). Ebenfalls ist eine Identität mit dem Gregor Hintze denkbar, der sich am 7.6.1692 in Halle in das Stammbuch Wilhelm Ludwig Speners (s. Brief Nr. 16, Anm. 7) eintrug (Blaufuss, 145).