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Nr. 10 A.H. Francke an Ph.J. Später 18. 12. 1690

25 Desgleichen bin ich auch Mitler weile nach Saalfeld gereiset mit der Gelegenheit, daß eine wittibe daselbst an mich unbekanter weise geschrie­ben 19 , und mich gebeten, ich möchte zu ihr kommen, sie in ihrem ver­lassenen Stande zu trösten und zu stärcken. Ich bin einfaltig der unerforsch- lichen Führung meines Gottes gefolget, ob mir wol die nach menschlichem

30 witz alles abmessen wollen, viel eingeworffen, als würde man mich einer aAAoTpLO£'n:t.cjxo7U(xcr 2() beschuldigen, und könte ich sonst dadurch allerhand anstoß geben, insonderheit da das ministerium daselbst schon wieder das gute mit hefftigkeit geprediget p. aber Gott sey danck der mich für diesen Strick bewahret hat 21 , um menschlicher gedancken willen vieler Seelen heyl zu

35 verseumen. Denn dieser weg ist mir vom Herrn so geseegnet gewesen, daß ich wol sagen muß: Herr, deine Fustapffen trieffen von Fett. 22 Wir sind (nur etwas zu gedencken) eingekehret bey einem wirth, im Schwarzen Beeren, der zugleich Cämmerer alda 23 , welcher schon feinen Grund in der lebendigen Erkentniß geleget, und selbst schon vorhin verlanget mich zu Erffjurt] zu

40 besuchen, sind also mit hertzl[ichem] vergnügen von ihm auffgenommen worden. Er ließ gleich den cantorem des Orts 24 holen, einen alten und die warheit hertzlich liebenden Mann, der die liebe Jugend auff einen reinen und wahren Grund zu führen ernstlich bemühet ist. Desgleichen die Fr. Stock- mannin 25 , die obenbenannte wittibe, daß wir uns noch des abends hertzlich

45 im Herrn erquicket. Des folgenden Tages sind wir (denn Herr Semmler 26 und Schilling 27 studi[osi] mit mir gereiset) vom Herrn Superintenten Sternebeck 28

liebgewesenen eintzigen Söhnleins", AFSt/H D 68: 236). Ob Speners Exemplar als Vorlage für die Abschrift diente oder diese Spener vorlag, läßt sich nicht nachweisen.

18 Der Lebenslauf wurde im Anhang der Leichenpredigt (s. Anm. 15) ediert (S. 1922).

19 Wohl Anna Ursula Stockmann. Der Nachname wird unten (s. Z. 43f) genannt, den Vor­namen erwähnt Kaspar Sagittarius (s. Brief Nr. 8, Anm. 14) in einer kurzen Liste mit Namen von Saalfelder Pietisten (FB Chart A 307, S. 91,P.S.", o.D). Der Brief an Francke ist nicht überliefert.

20 Einmischung in fremde Pfarrei, vgl. IPetr 4,15.

21 Vgl. Ps 141,9.

22 Ps 65,12.

23 Wohl der Saalfelder Kammerregistrator Arnold, den Kaspar Sagittarius ebenfalls in der genannten Liste (s. Anm. 19) erwähnt.

24 Der von 1681 bis 1693 an St. Johannis in Saalfeld tätige Kantor hieß Kegel (Auskunft LKA).

23 Anna Ursula Stockmann (s. Anm. 19).

26 Gebhard Levin Semler (21.6.1665-22.12.1735), geb. in Loburg beijerichow; 1686 Studium in Leipzig, 1691 auf Franckes Empfehlung Hauslehrer der Adelheid Sybille Schwarz (s. Brief Nr. 55, Anm. 16) in Lübeck, dann der Stadt verwiesen; 1692 Protokollant der Visionen der Anna Margaretha Jahn (s. Brief Nr. 22, Anm. 18) in Halberstadt, 1694 wegen ekstatischer Zustände ärzt­lich untersucht und der Stadt verwiesen; 1697 Rektor in Burg, 1698 Pfarrer in Kabelitz, ab 1704 Pfarrer und Inspektor in Großmangelsdorf (DBA 1175, 288-290; ADB 33, 698; Auskunft Pfar­rerkartei der KPS; Matrikel Leipzig, 424; Ausführliche Beschreibung [s. Brief Nr. 81, Anm. 17], 126. 162ff; Leube, 185; Wotschke, Sachsen, 47; Matthias, 272f; Witt, 40. 56. 58f).

27 Johann Andreas Schilling (23.8.166517.2.1750), geb. in Pößneck; 1687 Studium in Leipzig (September 1689 Vernehmung vor dem Konzil der Professoren), 1690 Aufenthalt bei Francke in