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Nr. 10 A.H. Francke an Ph.J. Spencr 18. 12. 1690
noch 2 Meilen das Geleite biß auff Rudelstadt. Von diesem Manne hoffe ich
65 sehr viel gutes. Er hat auch am hofe schon deswegen leiden müssen. Er wird secundiret von einem Hoffrath D. Sc[hrö]tern 38 , der auch auff einem guten wege seyn soll, er war aber eben ietzo zu Wien. Auff diesem wege habe auch Herrn Fritschen 39 gesprochen, ppp.
Zu Arnstadt wird Herr Elers 40 vom Herrn wol gebrauchet. Er traget
70 andere, und wird von andern getragen. Der Herr aber weiß alle seine werck von anfang. Alhier gehet das werck des Herrn noch in flore inter murmura et minas mundi. Dafür fürchten wir uns nicht. Durch den Glauben fielen die Mauern zu Jericho. 41
Mein Kinder examen halte ich nun in der knaben Schul 42 , nachdem der
75 Herr Senior eine gleichmässige repetitionem concionis auch in seiner Gemeinde in der knaben Schulen angefangen. 43 Die Schulen sind allewege voll von leuten, und bezeugen viele Seelen einen großen durst, kommen auch noch immer viel neue pfläntzlein unsers himmlischen Vaters herfür.
Ich habe am Sontage ausführlich den Greuel vom h. Christwesen für-
80 gestellet 44 , damit habe ich das kalb in die äugen geschlagen 43 , daß sich auch viele Schein-Christen offenbaret. Das lästern und schmähen der weit ist sehr
38 Wohl Johann Christian Schröter (28.1.1659-14.6.1731), geb. in Jena; ab 1675 Studium in Leipzig, Jena und Frankfurt, 1682 Dr. jur. in Jena; 1687 Kanzlist, dann Advokat am Hofgericht in Jena; ab 1701 ao. Prof. jur., Hofgerichtsassessor, Präses der Juristenfakultät und des Schöppen- stuhls Jena, Hofrat der ernestinischen Herzöge (DBA 1142, 126-129; ADB 32, 569; Jöcher 4, 360f; Matrikel Leipzig, 408).
y > Ahasver Fritsch (16.12.1629-24.8.1701), geb. in Mücheln bei Merseburg; Studium in Jena, 1657 Informator des Grafen Albert Anton von Schwarzburg-Rudolstadt, 1661 Hof- und Justizrat der Grafen von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt, 1662 Dr. jur.; 1669 kaiserlicher Hof- und Pfalzgraf, 1679 Kanzleidirektor und Konsistorialpräsident, 1687 Kanzler in Rudolstadt (DBA 352, 369-402; ADB 8, 108f; Zedier 9, 2144; Jöcher 2, 772-776; RGG 4 3, 384; H. Renker, Ahasver Fritsch, ein pietistischer Pädagoge vor Francke und ein Vorläufer Franckes, Paderborn 1917; D. Blaufuss, Cura Politica Christiana. Ahasver Fritsch zwischen „Himmels Lust und Weltunlust"?, in: Programm und Exempel, Texte und Studien der Arbeitsstelle für kulturwissenschaftliche Forschungen 1, Engi 1996, 138—151). — Der Jurist Fritsch hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk in deutscher und lateinischer Sprache (Erbauungsschriften, Recht, Verwaltung) und gründete in Rudolstadt die ,Jesus-Gesellschaft" (vgl. E. Koch, Die „Neue geistlich-fruchtbringende Jesus-Gesellschaft" in Rudolstadt, in: PuN 31, 2005, 21—59). Er stand mit Spener seit 1673 in intensivem Briefkontakt (vgl. Spener, Frankfurter Briefe 1, Nr. 163 [Quellenangaben in Anm. 1], 179. 191; Bd. 2, Nr. 9. 67f. lOOf u.ö.).
40 Heinrich Julius Elers, 1690-1694 Informator in Arnstadt (s. Brief Nr. 3, Anm. 7).
41 Vgl. Jos 6.
42 Wegen der wachsenden Teilnehmerzahl hatte Francke das wöchentliche Predigtexamen am 1. Advent 1690 in die Augustinerschule verlegt (Kramer, Beiträge, 85f; vgl. Brief Nr. 7, Anm. 28).
43 Joachim Justus Breithaupt (s. Brief Nr. 7, Anm. 36). Breithaupt hatte seine Predigtexamina eher als Francke in die Schule verlegt (Krämer, Beiträge, 86, Anm. 1).
44 Francke meint den Brauch, das Weihnachtsfest mit Schauspiel und Verkleidungen zu feiern (vgl. Glauchisches Gedenkbüchlein [s. Brief Nr. 80, Anm. 5], 113-118; vgl. auch Brief Nr. 69, Z. 47-50). Die Predigt ist nicht überliefert.
43 Vgl. das Sprichwort „Wer hat das Kalb ins Aug geschlagen?" (Wander 2, 1108).