Nr. 13 Ph.J. Spener an A.H. Francke W.W. 1691
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jenige, was diesen morgen Herr Cammer Rath Kraut 4 mir zugesandt 3 , und 15 schleunige nachricht darvon zu geben gebeten hat.
Es ist der pfarrer zu Glauche 6 (so die vorstatt an Hall ist) wegen angemu- theter Unzucht in dem beichtstuhl auff Gibichenstein geführet worden, und muß removiret werden 7 , diese stelle wird geliebtem Bruder destiniret, und davon deliberiret, das professio Hebraeae linguae zugleich möchte demandiret 20 werden. Der hier genante Herr Eberhard von Danckelmann ist premier ministre , und also darff man seinen resolutionen glauben. Wie nun ohne geliebten Bruders veranlaßung oder mitwürckung dieser winck geschihet, also will hoffen, derselbige werde sichs nicht schwehr laßen werden, zu folgen. 9 1. Ist er Herrn D. Breithaupten nahe. 10 2. Von Erffurt nicht zu weit 25
23 /veranlaßung oder/.
4 Christian Friedrich von Kraut (14.7.1650-16.8.1714), geb. in Halle; 1668 Studium in Leipzig, 1678 Kammer- und Landrentmeister in Halle, 1690 Hofkammerrat Friedrichs III. (I.) von Brandenburg (s. Brief Nr. 18, Anm. 11), 1696 Geheimer Kammerrat und Oberhofrentmeister in Berlin; 1699 Geheimer Rat und Kammerdirektor in Bayreuth, 1706 erneut Geheimer Kammerrat in Berlin (DBA 705, 316; ADB 17, 89; NDB 12, 723; Dreyhaupt 2, 653f; Matrikel Leipzig, 236; Stolberg Nr. 14650; Deppermann, 29f).
5 Nicht nachweisbar. Zum Inhalt des von Kraut mit Berufung auf E.Chr.B. von Danckelmann (s. Anm. 8) verfaßten Schreibens vgl. Z. 16—21. Von der Möglichkeit, in Brandenburg eine Anstellung zu bekommen, hatte Francke durch einen Brief Speners an Breithaupt aber schon in Erfurt erfahren (vgl. Francke, Streitschriften, 198; Kramer 1, 100; Kramer, Beiträge, 153-155).
6 Johann Richter (5.8.1643-3.2.1699), geb. in Halle; 1663 Studium in Jena (Magister); 1669 Pfarrer in Hohenthurm, 1682 in Glaucha bei Halle; 1691 Amtsenthebung wegen des Vorwurfs unzüchtigen Lebenswandels; 1695 Pfarrer in Osmünde (Matrikel Jena, 638; Auskunft Pfarrerkartei der KPS; Francke, Streitschriften, 183f; Dreyhaupt 2, 782f).
7 Richter hatte am 19. oder 26. September seine Dimission erhalten und war in der Burg Gie- bichenstein inhaftiert worden. Er betrachtete sich zunächst aber weiterhin als Pfarrer von Glaucha und wies die ihm gemachten Vorwürfe als unbegründet zurück (Annales, 384; G. Knuth, Geschichte der Kirchengemeinde von St. Georgen zu Glaucha — Halle a.S. auf Grund urkundlicher Quellen dargestellt, Halle/Saale 1891, 91f; Deppermann, 72; Richter an den Kurfürsten, 15.1.1692, GStA PK HA I, Rep. 52, Nr. 159 n 3 a, 1686-1698, Bl. 298-300 r ; vgl. Brief Nr. 16, Anm. 9).
8 Eberhard Christoph Balthasar von Danckelmann (23.11.1643—31.3.1722), geb. in Lingen/ Ems; 12jährig Lic. jur. in Utrecht, 1663 Informator des zweiten Sohnes des Großen Kurfürsten, 1665 Rat, 1668 halberstädtischer Regierungsrat, 1676 klevisch-märkischer Geheimer Regierungsrat, 1688 Lelms- sowie Geheimer Staats- und Kriegsrat, de facto leitender Minister; 1689 Mitglied der Hofkammer, 1692 Präsident der Regierung in Kleve, 1695 Oberpräsident aller Landeskollegien; 1697 Entlassung wegen Mißtrauen des Kurfürsten und Inhaftierung, 1698 Haft in Peitz; 1707 Entlassung nach Cottbus als zugewiesenem Aufenthaltsort (DBA 220, 11—13; ADB 4, 720; NDB 3, 503; Zedier 7, 116f; Stenzel, Bd. 3, 61-70; C. Hinrichs, Friedrich Wilhelm I. König in Preußen. Eine Biographie, Bd. 1, Jugend und Aufstieg, 2. Buch, LI., Danckelmanns Verwaltung und Sturz, Hamburg 1941, 111-125. 681f; Hinrichs, 23. 103f. 217; Brief Nr. 141, Anm. 9). - Danckelmann gilt als der entscheidende Urheber der Idee, die pietistische Bewegung staatlicher Kirchenpolitik nutzbar zu machen.
9 Francke wartete, nachdem er in Erfurt schon von dem Berliner Angebot erfahren hatte, noch auf ein deutlicheres Zeichen dafür, daß er unter Verzicht auf jede eigene Aktivität - nur dem Willen Gottes gehorchend - dem Angebot folgen solle; die Enthaltung von aller eigenen