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Nr. 14 AM. Francke an Ph.J. Spater 2. 11. 1691

bachin 3 . Der Stifftshauptmann zu Quedlinbfurg] 6 hat mich auch zur Mahlzeit 15 eingeladen, und ist dessen liebste 7 bereits in einem sehr feinen anfange eines wahren Christenthums, ist auch gestern, da ich für Herrn Mag. Achilles 8 geprediget 9 , hieselbst meine zuhörerin gewesen. Der bürgemeister daselbst'" hat mich in seiner chaise 11 mit herüber genommen, um meiner Predigt bey- zuwohnen. Uber diesem habe in vielen Seelen einen ernstlichen anfang so 2o wohl in Quedlinburg als in Halberstadt und auff einem zwischen beyden liegenden dörfflein 12 gefunden. Einige lästerer haben auch mit thränen ihre Sünde beweinet, und bequemen sich zu annehmung der Erkentniß Gottes, und zwar welches zu verwundern, alte leute, und ist nicht zu sagen welch ein Feuer dieser Orten angehe. Der Superintendent] zu Quedlfinburg] hat mir 25 bißhero widerstanden, daß ich da noch nicht predigen dürffen, wiewohl ich selbst auch nicht drum gebeten.

6 Adrian Adam von Stammer, Erbherr auf Rammelburg zu Waren und Ballenstedt (gest. 1704), seit 1687 Stiftshauptmann in Quedlinburg, 1698 nach Übernahme des Quedlinburger Stifts durch Friedrich III. (I.) von Brandenburg (s. Brief Nr. 18, Anm. 11) preußischer Geheimer Rat und 1693 Johanniter Ritter (Zedier 39, 1072; Kramer 1, 101. 132f. 170; Kneschke 8, 598; Schulz, 7f. 6264. 105107 u.ö.). Von Stammer war der Ehemann der Sophia Maria von Stammer, die in enger Verbindung mit Francke stand (s. Anm. 7). Er selbst distanzierte sich spater von der enthusiastischen Bewegung, weil er um seine Stellung und das Fortkommen seiner Kinder fürchtete (Witt, 48; vgl. Brief Nr. 73, Z. 3-10 und Anm. 2).

7 Sophia Maria von Stammer, geb. von Selmnitz, Ehefrau Adrian Adam von Stammers (s. Anm. 6). Sie stand in intensivem brieflichen und persönlichen Kontakt mit Francke (vgl. AFSt/H C 274; C 818: 2 und D 42: 130-133 sowie Brief Nr. 62, Z. 56f und Anm. 29); im Frühjahr 1694 wohnte Anna Magdalena von Wurm (s. Brief Nr. 81, Anm. 24), Franckes spätere Ehefrau, im Hause Stammer, in dem Gottfried Arnold (16661714) zu dieser Zeit Hauslehrer war. Vor allem durch Frau von Stammer war das Stammersche Haus neben dem Haus der Sprögels (s. Brief Nr. 8, Anm. 10 und 11) ein Zentrum der pietistischen Bewegung Quedlinburgs (Schulz, 8. 78. 88f u.ö.; Witt, 46-49. 52. 56. 64. 168 [bei Witt falsche Vornamensangabe: Hedwig Sophia]).

8 Andreas Achilles (s. Brief Nr. 8, Anm. 9).

9 A.H. Francke, Die wahre Glaubens- Gruendung/ Kraeftigung/ Staerckung/ und Vol- bereitung/ In einer Predigt aus dem Evangelio am XXI. Sonntage nach dem Feste der H. Drey- Einigkeitjoh. IV. v. 47-54 ANNO 1691. Zu Halberstadt in der Kirchen zum H. Geiste oeffentlich fuergetragen/ [...], Frankfurt 1691 (vgl. Francke, Predigten 1, 534; Francke-Bibliographie Nr. E 1.1-8), gehalten am 21. So.n.Tr. (1.11.) 1691 in Halberstadt. Die Predigt erschien bis 1698 in fünf selbständigen Auflagen und wurde im Glauchischen Gedenkbüchlein [s. Brief Nr. 80, Anm. 5] und in Franckes Sonn-, Fest- und Aposteltagspredigten, Bd. 2, Halle 1704 (Francke-Bibliographie Nr. D 4.1/2), 727-759, erneut abgedruckt.

10 Es handelt sich wohl um den Bürgermeister der Quedlinburger Neustadt, Teige, der in den Jahren 1691, 1695/96 und 1700 amtierte und dessen Frau der Bewegung um Francke angehörte (Schulz, Sprögel [Anm. 59], 20).

11 Zwei- oder vierrädrige Kutsche (Duden 2, 624).

12 In Frage kommen die Dörfer Münchenhof, Harsleben und Spiegelsbcrge, etwas seitlich gelegen auch Dietfurt und Wegeleben (Schulz, 49, Anm. 111, vermutet Suderode, das aber südlich von Quedlinburg liegt).

13 Sethus Calvisius (11.6.1639-19.4.1698), geb. in Quedlinburg; Studium in Leipzig (1660 Magister); 1669 Substitut, 1677 Pfarrer an St. Nicolai in Quedlinburg, 1684 Stifts- und Hof­prediger und Konsistorialrat, 1690 Pfarrer an St. Benedict und Superintendent ebd.; Gegner der Quedlinburger pietistisch-separatistischen Bewegung (DBA 175, 127; Jöcher 1, 1583f; Matrikel Leipzig, 59; Schulz, 34; Pfarrerbuch KPS 1, 153).