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Nr. 16 A.H. Francke an Ph.J. Spener 16.1.1692
16. A.H. Francke an Ph.J. Spener
Halle, 16. Januar 1692
Inhalt
Sendet Beilage von Johann Jakob Spener, der auf seinem Krankenlager zu wahrer Gotteserkenntnis gelangt. — Seine Probepredigt in Glaucha verzögert sich noch. — Berichtet von Besuchen aus Tennstädt, Leipzig, Arnstadt, Könnern und Peißen und einem Schreiben von Kaspar Sagittarius an Breithaupt. — Tauscht Schriften von Georg Lorenz Seidenbecher aus und erbittet Balthasar Köpkes Manuskript über den Psalter.
Überlieferung
A: AFSt/H D 66: 154-155 D: Kramer, Beiträge, 207-209
Theurester Vater in Christo,
Gleichjetzo komme von dem geliebten Herrn söhn 1 her, der mir Einlage beyzulegen gegeben 2 , habe mit ihm hertzlich zu Gott unserm Vater gebetet, wie er es selbst von mir verlanget. Er ließ mich gestern zu sich fordern, und
5 schüttete mir gantz frey sein hertz auß, wie er wohl erkenne daß er bißhero in einem sündlichen zustande gelebet, der Gott nicht gefallen könne, sey in seinem Gewißen deswegen beängstiget, und wünsche nichts mehr als daß ihm Gott helffen, und in einen rechten ihm wolgefälligen zustand setzen wolle. Ich sagte ihm frey, wie nicht allein ich sondern auch sein Herr Vater seinen
in zustand bißhero angesehen 3 , und hertzlich gewünschet hätten, daß er zum lebendigen Erkentniß Gottes kommen möchte, bat ihn, dieses momentum visitationis divinae ja nicht ohne rechten Nutzen vorbey streichen zu laßen, sondern sich dessen zu seiner rechten gründlichen bekehrung anzuwenden, führete ihn dabey auff die Erkentniß der göttlichen Gütigkeit und weißheit,
15 welche ihn mit einiger Schwachheit des Leibes (so doch leidlich ist) beleget hätte, um ihn dadurch von seinen Verstrickungen loß zu reißen, welches auff andern wege so leicht nicht würde geschehen seyn, erinnerte ihn, daß er ihm selbst nur keine hinderniß geben, noch terrores conscientiae alzu sehr zuvermeiden suchen möchte, sondern vielmehr seinen zustand nur recht erkennen,
2(i damit die Enderung desto gewißer und größer sey. Es schließet sich auch sein hertz zur Erkentniß seines bißherigen Elendes sehr fein auff, wie auch
1 Johann Jakob Spener (1669—20.1.1692), geb. in Frankfurt als Sohn von Philipp Jakob Spener; 1686 Studium in Leipzig (1687 Magister) und Aufnahme im Hause Adam Rechenbergs (s. Brief Nr. 1, Anm. 6), seit September 1691 ao. Prof. der Mathematik und Physik in Halle (DBA 1201, 1-33; Matrikel Leipzig, 432; Stolberg Nr. 2615; Grünberg 1, 379; Annales, 384). Den Besuch bei JJ. Spener erwähnt Francke in seinem Tagebuch (Kramer, Beiträge, 171). Die Beilage von Johann Jakob Spener ist nicht überliefert.
3 Spener hatte zwar die Entscheidung Johann Jakobs gegen das Studium der Theologie und auch der Medizin akzeptiert, war aber darüber bekümmert, daß sein Sohn aus seiner (des Vaters)