Nr. 16 AM. Francke an Ph.J. Spener 16. 1. 1692

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zur Erkentniß des warhafftigen wesens das in Christo ist 4 , und machen mir alle Umstände die hoffnung, daß es zu einer wahren Krafft und beständigem wesen zu vieler Uberzeugung gedeyen werde. Er hat nicht lange vor meiner ankunfft einen mercklichen Traum gehabt, den Ihm der liebe Herr D. Breit- 25 haupt 5 auff seinen Zustand gedeutet, und von der Zeit an saget er sey dieses sonderlich in seinem Gemüthe fürgegangen. Er hat begehret, daß jemand bey ihm seyn, und was gutes so sich auff seinen zustand schickete, fürlesen möchte, so ist nun Herr M. Wiegeleb 6 zu ihm gegangen, der es auch morgen thun wird, d[eo] vfolentej und bin ich von diesem versichert, daß er ihn fein 30 auff Christum, dahin ich ihn auch gewiesen, führen wird. Ich hielte es aber für sehr nützlich, wenn bey dieser ersten hitze der liebe Wilhelm 7 zu ihm herbei kommen möchte. Sonst zweiffeie nicht es werde Ihm eine liebreiche und nachdrückliche väterliche zuschrifft 8 für allen wol zu statten kommen, nechst dem hertzlichen Gebet zu Gott. Der Name des Herrn aber sey für 35 dieses alles hochgebenedeyet!

Man versichert mich gewiß, daß es morgen in der Kirchen zu Glaucha soll abgekündiget werden, daß ich über 8 tage die Probpredigt thun soll, mir aber ist deswegen von der Regierung oder Consistorio noch nichts gemeldet worden, doch soll es gewiß seyn. 9 Von den bürgern von Glaucha sind bißhero 40 täglich einige bey mir gewesen, die an der Gemeine bedient sind, bezeugen ein hertzlich verlangen nach mir, sind nicht wohl zu frieden, daß man sie auffhält, wolten mit einer supplic nach Berlin gehen, wenn es nöthig wäre, sie begehren auch gar keine Probpredigt 1 ", mir aber ists viel lieber um künfftigen

Perspektive in Glaubensfragen überhaupt gleichgültig war (vgl. Mack, Pädagogik, 7377; Cons. 2, 161169 [Briefe des Vaters an den Sohn aus den Jahren 16871691]).

4 Vgl. Eph 4,21.

5 Joachim Justus Breithaupt (s. Brief Nr. 7, Anm. 36).

6 Johann Hieronymus Wiegleb (s. Brief Nr. 8, Anm. 15).

7 Wilhelm Ludwig Spener (25.4.1675-24.6.1696), geb. in Frankfurt a.M.; 1690 Studium in Leipzig, 1692 in Halle, 1693 in Gießen (1695 Dr. theol.); stirbt auf einer Reise ins Baltikum (Grünberg 1, 379f; Harraeus, 29fj Stolberg Nr. 2616; Blaufuss, 117-195 [Stammbuch W.L. Spener]; Mack, Pädagogik, 79-91; vgl. Briefe Nr. 120, Z. 46-63 und Nr. 121, Anm. 7).

8 Zu Speners Antwort s. Brief Nr. 17, Z. llf.

9 Die Anweisung an Regierung und Konsistorium in Magdeburg, Francke in die Glauchaer Pfarrstelle einzusetzen, stammte bereits vom 22.12.1691 (AFSt/H D 81: 111-112; GStA PK HA I, Rep. 52, Nr. 159 n 3 a, 1686-1698, Bl. 295-297 r [Entwürfe der Schreiben an das Kon­sistorium und unter demselben Datum an Francke]). Am 9.1. war Francke über Kanzler von Jena (s. Anm. 11) mitgeteilt worden, daß das Konsistorium am 11.1. über die Sache beraten werde. Francke hielt die Probepredigt in Glaucha am 24. Januar (3. So.n.Ep.), nachdem er die offizielle Information über diesen Termin offenbar erst kurz zuvor erhalten hatte (Kramer, Beiträge, 168173). Diese Verzögerung hatte offensichtlich damit zu tun, daß Franckes Vorgänger, Johann Richter (s. Brief Nr. 13, Anm. 6), in seinem Brief an den Kurfürsten vom 15.1.1692 (s. Brief Nr. 13, Anm. 7) darum gebeten hatte, Francke solle zur Probepredigt erst dann zugelassen wer­den, wenn er (Richter) in der Sache seines Amtsenthebungsverfahrens selbst gehört worden sei. Francke war durchaus bewußt, daß das Verfahren gegen seinen Vorgänger noch nicht entschieden war (vgl. Francke, Streitschriften, 200f).

111 Francke berichtet in seinem Tagebuch vom 11. bis 16.1. täglich, daß Glauchaer Bürger ihn besucht und wegen seiner Probepredigt nachgefragt hätten; schon am 11.1. hatten sie Francke