Nr. 50 A.H. Francke an Ph.J. Spater 20. 9. 1692
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50. A.H. Francke an Ph.J. Spener
Glaucha, 20. September 1692
Inhalt
Reagiert auf Schreiben Speners an Breithaupt und erläutert seine Lehrmethode in den exegetischen Fächern. — Verhör mit Albrecht Christian Rotth vor dem Konsistorium ist ohne Ergebnis geblieben. Bittet um Weiterleitung seines Memorials in der Sache. - Legt Memorial wegen Johann August Drachstedts Bedenken über Franckes Predigt zum 6. So.n.Tr. bei. - Hat sich auch gegen G. Chr. Marquarts Kurze Antwort schon geäußert. — Ist skeptisch gegenüber der Entscheidung, Christian Maximilian Spener nach Merseburg zu schicken.
Überlieferung
A: AFSt/H D 66: 167-168 D: Kramer, Beiträge, 258-259
Theurester Vater in Christo,
dero wehrtestes Schreiben 1 an den Herrn D. Br[eithaupt] 2 ist mir auch com- municiret. Daß insonderheit von dem behorchen unser lectionum gemeldet wird, und daß wir portentosa 3 sollen vorbracht haben, weiß ich meines Orts wol eben nicht was damit gemeynet sey, es müssen denn rohen welt[lichen] 5 hertzen alle spiritualia portentos vorkommen, oder vielleicht das portento- sum ist, daß ich zeige wie man in omnium locorum exegesi 4 den nucleum welcher Christus ist nicht vergessen soll, wie ich solches in den psalmen, sonderlich aber in epistfulamj ad Hebraeos fleißig tractire und urgire 3 , oder daß ich die foecunditatem porismatum e textibus sacris extrahendorum 6 so 10 recommendiret, daß ich auch gezeiget, wie man viele tausend aus einem text mit leichter mühe führen, ja über einen vers mit leichter mühe einen gantzen folianten schreiben könne, so man harmoniam et analogiam perpetuam rerum sacrarum da immer eins nicht allein an dem andern hanget, sondern auch immer das andere erleutert, 7 und den Grund besser für äugen leget, in etwas 15 besser einsähe, welches ja wohl einem jungen Studenten anfänglich portento-
1 Nicht ermittelt.
2 Joachim Justus Breithaupt (s. Brief Nr. 7, Anm. 36).
3 Lat. Mißgeburten, hier im Sinne von: Ungeheuerlichkeiten.
4 Lat. in der Auslegung aller Stellen [der heiligen Schrift].
5 In seinem Programm vom Sonntag Invocavit (s. Brief Nr. 20, Anm. 2) hatte Francke Vorlesungen über die Psalmen und den Hebräerbrief angekündigt (C 3). — Zur Rolle der Auffassung von Christus als dem Kern der Schrift in Franckes Hermeneutik s. Peschke, Studien 2, 54—56 und Francke, Hermeneutik 1, 73. 131f. 211-339.
6 Lat. die Fülle der aus den heiligen Texten herauszuziehenden Lehren.
7 Zur Auffassung von „Harmonie" und „Analogie" der biblischen Materien in Franckes Hermeneutik vgl. Peschke, Studien 2, 71-89 und Francke, Hermeneutik 1, 65f. 73. 139f. 286f. 346 u.ö.