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Nr. 50 A.H. Francke an Ph.J. Spener 20. 9. 1692
sum scheinen mag. Ich dancke aber Gott der mir darinnen schon ehemals in Leipzig einiges Hecht gegeben, da ich es auch bereits cum fructu studiosorum gelehret 8 , nachdem aber noch deutlicher erkant. Und sind diese beyden dinge
20 ein weg, dadurch man auffs anmuthigste und leichteste die studiosos in ein solidum Studium exegeseos et applicationis Scripturae S[acrae] leiten kan. 9 Sonst versichere ich wol von hertzen Grund, daß wi[r] ja beyderseits mit allem Ernst dahin sehen, daß weder durch harte reden noch durch einige Meynung oder fremde auslegung jemanden anstoß gegeben werde, daher ich gewiß
25 mich von hertz[en] auff die angeordnete commission 10 freue, in dem ich mir auch nicht das geringste, dafür ich mich flirchften] dürffte bewust bin, und wäre ja wohl gut, wenn sie fein bald furgenommen würde.
Herr Rothe 11 hat eine supplic an das Consistorium eingegeben, und um confrontation gebeten, sonderlich auch geklaget daß ich seine refutation 12
30 36 lügen beschuldiget. 13 Darauff ist ein termin gestern 14 nachmittag 2 Uhr gesetzet, und sind wir beyde gegen einander gehöret. 15 Ich habe mich aber auff einrathen eines, dessen autoritaet mir hierinnen fürnemlich gelten muß 16 , mich auff mein an Churfürstliche Durchlaucht 17 gesantes memorial 18 beruffen, darauff ich noch keine antwort empfangen, könte mich also, die
35 weil ich die Sache an S[eine] Churfürstliche Durchlaucht gelangen laßen, als pars laesa 19 , gar nicht einlassen, sondern hoffte es würde in so wichtiger Sache
18 /einiges Hecht/. 22 wi[r]: cj. 25 hertz[en]: cj. 26 fürch[ten]: cj (Rand eingeklebt).
8 Francke hatte als Magister in Leipzig von 1685 bis zum Beginn des Jahres 1690 vor allem philologische Vorlesungen über das Alte und Neue Testament gehalten.
9 Ausführlich stellt Francke seine hier angedeutete Lehrmethode in den exegetischen Fächern dar in seiner in erster Auflage 1693 in Halle erschienenen Schrift „Manuductio ad lectionem Scripturae Sacrae Historicam, Grammaticam, Logicam, Exegeticam, Dogmaticam, Porismaticam et Practicam [...]" (Francke-Bibliographie Nr. B 4.1). Weitere Auflagen erschienen mit leicht verändertem Titel in Halle 1700 und 1709, zudem 1706 in London (Francke-Bibliographie Nr. B 4.2—4.4). Eine nicht autorisierte frühe Ausgabe war schon 1692 erschienen (Francke-Bibliographie Nr. B 4.0).
10 Zur bisherigen Entwicklung in der Sache der Untersuchungskommission vgl. Brief Nr. 49, Anm. 19.
11 Albrecht Christian Rotth (s. Brief Nr. 36, Anm. 12).
12 Eilfertiges Bedenken (s. Brief Nr. 36, Anm. 13).
13 Supplik Rotths vom 13.9.1692 (AFSt/H D 92: 27-29; A 108: 7 v -8 r [Abschrift]).
14 Montag, 19.9.1692.
15 Das Protokoll befindet sich im AFSt/H D 92: 37-42, eine Abschrift in A 108: 9 V -1 l v .
16 Francke könnte hier Christian Thomasius (s. Brief Nr. 8, Anm. 20) meinen. Das Verschweigen des Namens erklärt sich daher, daß Thomasius seit dem Frühjahr in Berlin einen schlechten Ruf hatte, und daß Spener Francke deshalb eindringlich davor gewarnt hatte, bei Thomasius Rat einzuholen (vgl. vor allem Briefe Nr. 27, Z. 45f und Nr. 28, Z. 44-46).
17 Friedrich III. (I.) von Brandenburg (s. Brief Nr. 18, Anm. 11).
18 Franckes Memorial wegen Rotths Eilfertigem Bedenken (s. Brief Nr. 48, Z. 17—19), das Spener nicht an die Regierung weitergegeben hatte (s. Brief Nr. 49, Z. 4—9).
19 Lat. geschädigte Seite.