Nr. 55 A.H. Francke an Ph.J. Später 25. 10. 1692
211
hätte, und sie künfftig mehr hertzeleid an ihm erleben solten, wie ich solches wol besorge, wenn ihm nicht bey guter zeit mit einer recht christlichen und verständigen auffsicht gerathen wird, und wird dennoch zu thun haben, daß er wieder in rechte Ordnung komme. Es ist mir dieses ein rechtes Leiden in meinem hertzen, der Herr wolle es doch ändern nach seiner Treue.
Herr Laurentius 10 kommt nicht wieder zu uns, sondern bleibet zu Gotha bey der Fr. Superintendent] Tribechoviin 1 '.
Sonsten berichte, daß die Anna Maria Schucharten 12 , Herrn D. Brückners 13 Magd, jetzo hier bey uns ist, ist gesonnen sich diesen winter nach Halberstadt zu wenden 14 , und bey Herrn Praetorio 15 zu dienen. Hält sich auff unser zureden hie gar stille.
Die Fr. Schwartzin 16 von Lübeck ist auch bey uns gewesen, und hat uns von ihrer Sache mit D. PffeifFer] 17 gründlichen bericht gegeben, über deren Umstände sich gewißlich zu verwundren. Sie ist auff Erffurt gereiset, und
10 Georg Michael Laurentius (s. Brief Nr. 32, Amn. 43).
" Sophie Elisabetha, verw. Tribbechov, geb. Gießbach in Gotha; heiratete 1672 Thomas von Aussen, Landinspektor in Gotha; 2. Ehe 1675 mit Adam Tribbechov (1641-1687), dem späteren Gothaer Generalsuperintendenten (Pfarrerbuch Gotha, 266. 673).
12 Anna Maria Schuchart (s. Brief Nr. 22, Anm. 15).
13 Georg Heinrich Brückner, Jurist in Erfurt (s. Brief Nr. 7, Anm. 38).
14 Es ist nicht bekannt, seit wann und bis wann sich Schuchart genauer in Halle aufhielt. Aufgrund der Veröffentlichung der Eigentlichen Nachricht (s. Brief Nr. 38, Anm. 42) hatte sie Erfurt verlassen müssen (vgl. de Boor).
13 Johannes Prätorius, Oberkommissar in Halberstadt (s. Brief Nr. 15, Anm. 9), in dessen Haus bereits die Ekstatikerin Catharina Reinecke (s. Brief Nr. 15, Anm. 10) angestellt war.
16 Adelheid Sybille Schwarz, geb. Röther (gest. Mai 1703), Frau des Lübecker Portraitmalers Johann Heinrich Schwarz; bedeutende Gestalt der enthusiastischen Bewegung der frühen 90er Jahre, deren Bußrufe und Visionen als Zeichen des anbrechenden Reiches Gottes interpretiert wurden und die in enger Verbindung mit Johanna Eleonora und Johann Wilhelm Petersen (s. Brief Nr. 7, Anm. 46 und Nr. 17, Anm. 33) stand. Schwarz hielt sich nach dem Verlassen Lübecks im Oktober 1692 (s. Anm. 17) bei gleichgesinnten Frommen in Celle, Halle, Helfta, Quedlinburg, Magdeburg, Erfurt, Gotha, Berlin u.a. auf; 1693 Rückkehr nach Lübeck; 1697 Übersiedlung mit der Familie nach Berlin und allmählicher Rückzug (Tu. Wotschke, August Hermann Franckes Debora, in: NKZ 40, 1929, 265-283. 293-303; E. Fritze, Adelheit Sibylla und der Maler Johann Heinrich Schwartz in Lübeck. Eine Studie zur Personengeschichte in Zusammenhang mit den Erscheinungen evangelischer Frömmigkeit zur Zeit August Hermann Franckes und Philipp Jakob Speners, in: Zeitschrift der Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde 71, 1991, 81-123; Witt, 25-33. 48-53. 64-71 u.ö.; Matthias, 256. 272-275. 278; vgl. Brief Nr. 64, Z. 45-48).
17 August Pfeiffer (27.10.1640—11.1.1698), geb. in Lauenburg in Niedersachsen; nach dem Studium in Hamburg und Wittenberg (1659 Magister) Prediger in Mezibor und Stroppe in Schlesien sowie in Meißen; 1677 Dr. theol. in Wittenberg, 1681 Archidiakon an St. Thomas in Leipzig und o. Prof. der orientalischen Sprachen sowie ao. Prof. der Theol. ebd.; ab 1689 Superintendent in Lübeck (DBA 950, 280-293; ADB 25, 631; Jöcher 3, 1490-1492). - Schwarz hatte im Februar 1692 dem Lübecker Superintendenten Pfeiffer anonym einen Bußruf zugesandt, den dieser zunächst Rosamunde Juliane von der Asseburg (s. Brief Nr. 15, Anm. 17) zugeschrieben hatte. Nach Verhören vor dem Geistlichen Ministerium und dem ratsherrlichen Gericht hatte Schwarz Lübeck Anfang Oktober 1692 verlassen (Ausführliche Beschreibung |s. Brief Nr. 81, Anm. 17], 48-50; Witt, 24-33).