212
Nr. 55 A.H. Fmnckc an Ph.J. Später 25. 10. 1692
hoffet auff der rückreise wieder hier durch zu kommen. Da sie von mir abschied nehmen wollen, waren Herr M. Hoffmann Past[or] zu Brindis bey Delitsch 18 nebst der Annen Marien 19 auch zugegen, da ich nun mit ihnen
35 betete, fiel die Anna Maria in ihre ecstasin, und redete in solchem zustande viele liebliche verse, Strophen weise, mit der ordentlichen scansion 20 , und recht zierlicher action mit den händen, welches mich denn mehr beweget, als alles so ich bißhero davon gehöret. Ich hatte ihr kurtz vorher a part zugeredet, wegen einiger ihrer Gebrechen, so mir bekant waren, welches sie
40 auch wol von mir angenommen. Jetzo ist auffs neue in Quedlinburg eine Frau 21 , welche alle Nacht von 11 biß 1 Uhr singet, und dabey mit den händen continuierlich schlaget, oder gleichsam den tact führet. Hat auch lateinische buchstaben gesehen, da sie sonst nicht schreiben und lesen kann, hat solche auffgezeichnet. Die eigentlichen worte sind mir entfallen, gehen aber auff
45 das blut und verdienst Christi. Es mögen sich auch andere ungewöhnliche dinge zu Quedlinburg, Magdeburg, Zelle ereignen. Hier haben wir auch zwey Exempel, nemlich die jüngste Jungffer] Wolffin 22 und Rinckhammers Tochter 23 , welche mit zu überschwenglicher Freude erfüllet werden, daß es ihnen unmüglich ist, die Stimme an sich zu halten, und wäre ja wohl der
so weit, so sie es sehen und hören solte, sehr anstößig. Wir sind damit stille, u. ist auch noch verborgen was wollen wir thun? Wer kan dem Herrn etwas wehren? Er mag thun was er wil. 24 Mit der Annen Marien 25 gehen hieselbst noch wunderlichere dinge vor als in Erffurt. Sie hat nun zu unterschiedenen mahlen hier in vieler zeugen gegenwart aus der Stirn und den händen blut
55 geschwitzet, daß es von ihr gelauffen. Man hat es nicht allein an Ihr gesehen, sondern es auch sehen aus den händen und aus der Stirn hervor dringen, und
1S Christoph Gottfried Hoffmann (gest. 10.9.1717), geb. in Collm bei Oschatz; seit 1672 Pfarrer in Brinnis bei Delitzsch (Auskunft Pfarrerkartei der KPS).
19 Anna Maria Schuchart (s. Anm. 12).
20 Rythmische Betonung.
21 Anna Eva Jakobs (geb. 11.11.1665), geb. in Kothen als Tochter des Böttchers Albrecht Notmeyer; 1679 (?) Heirat mit Hans Caspar Rosen, bald verwitwet; 1686 Heirat mit dem Quedlinburger Schinder Melchior Jakobs („Schinder-Anna"), 1689 erneut verwitwet. Jakobs hatte seit 1692 Ekstasen, wurde wegen ihrer Stigmatisierimg auch „Blutschwitzerin" genannt; war von Ende 1692 bis Juni 1693 inhaftiert und verließ Quedlinburg danach (Witt, 35ff. 42ff. 59ff; Schulz, 77-84; Ausführliche Beschreibung, 109-115).
22 Offenbar handelt es sich um Sophia Tranquilla Wolff (s. Brief Nr. 17, Anm. 43), die unter ihrem späteren Ehenamen Schröder als Liederdichterin bekannt wurde (de Boor, 88; W. Miersemann, Auf dem Weg zu einer Hochburg „geist=reichen" Gesangs. Halle und die Ansätze einer pietistischen Liedkultur im Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts, in: Busch/Miersemann, 11-80, hier 57. 73. 75).
23 Wohl entweder Sophia Elisabeth, die schon im Februar 1692 erwähnte jüngste Tochter (s. Brief Nr. 21, Anm. 21), oder die älteste Tochter, Anna Dorothea (geb. 23.9.1672), die die Stigmatisierung Anna Maria Schucharts miterlebte (s. Anm. 26), von Anna Magdalena und Johann Georg Ringhammer (s. Brief Nr. 21, Anm. 20; vgl. de Boor 88. 91 [mit anderer Identifikation]).
24 Vgl. Dan 4,32; auch Jes 14,27.
25 Anna Maria Schuchart (s. Anm. 12).