Nr. 55 A.H. Francke an PhJ. Später 25. 10. 1692

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da unterschiedene dabey gewesen, welche die wahre beschaffenheit in zweiffei gezogen, sind sie dennoch aus dem augenschein gantz und gar überzeuget worden. 26 Sie hat auch gestern 2 Stunden nacheinander ein lied gesungen, dabey auch sonderliche dinge fürgegangen. Man redet davon, daß ein tumult 60 deswegen wieder die pietisten in der Stadt entstehen werde. 27 Wir wollen ja gern über uns nehmen, was Gott zulasset, die wir ohne dem uns versehen, daß des leidens nicht weniger, sondern mehr hinfüro seyn wird. Sonst wäre es ja wohl vor Menschen äugen gut, daß man mit der commission 28 nicht säumete. 65

Von Herrn D. Breithaupten 29 vernehme, daß Herr Lange 30 noch von Herrn D. Heilern 31 verlanget werde. Nun hat Herr Lange mit mir die abrede hinterlassen, davon Herr D. Breithaupt nicht gewust, daß er noch bereit sey Herrn D. Heilern zu folgen, wenn er ihn abfordern würde, und möchte man ihm nur solches zu wissen thun. Könte also, wenn noch res integra, 70 sein bruder 32 , (dem ich seinen brieff, der an mich gelanget nach des brudern abrede, wieder zurück sende 33 ) deswegen an Ihn schreiben, ob er etwa recta von Gardeleben auff Stargard reisen wolte. 34 Ich wünschte es sonst wol von hertzen, und zweiffeite gar nicht Herr D. Heiler würde den besten Nutzen davon tragen, und per consequens viele andere. Denn dieser Herr Lange ist 75 von unsern capabelsten studiosis, auch sehr sanfftmüthig und verständig.

26 Nach dem Bericht von Johann Baptist Croph (s. Brief Nr. 20, Anm. 17) vom 24.11.1692 (AFSt/H D 92: 239-251) hatte Schuchart am Nachmittag des 23.10. im Haus der Ringhammers während einer gemeinsamen Andacht, an der außer Schuchart Mutter und älteste Tochter Ringhammer (s. Anm. 23) und die Frau des Hotrates Johann Friedrich Printz (s. Brief Nr. 90, Anm. 13) teilnahmen, erstmals Blut geschwitzt. Croph und Hofrat Printz, die später hinzukamen, hatten nur noch Blutspuren an der Wand gesehen. Am Abend hatte sich der Vorgang in Gegen­wart weiterer Zeugen u.a. des Studenten Ernst Friedrich Runge, der am 23.11. hiervon einen kurzen Bericht gab (D 92: 233f) - wiederholt (vgl. de Book, 89-94).

27 Tatsächlich kam es Anfang November zu Reaktionen der Behörden (vgl. de Book, 96fT). 2 " Vgl. Brief Nr. 49, Anm. 19.

29 Joachim Justus Breithaupt (s. Brief Nr. 7, Anm. 36).

30 Joachim Lange (26.10.1670-7.5.1744), geb. in Gardelegen in der Altmark; 1689 Studium in Leipzig, mit Francke in einem Zimmer, Informator der Kinder von Christian Thomasius, 1690 mit Francke in Erfurt, 1692 in Halle; 1693 Informator bei Baron von Canitz (s. Brief Nr. 137, Anm. 4) in Berlin, 1696 Rektor in Köslin in Hinterpommern und in Abwesenheit Magister in Halle; 1698 Rektor des Friedrichswerderschen Gymnasiums in Berlin, 1699 zugleich 2. Pfarrer in Friedrichswerder; ab 1709 o. Prof. theol. in Halle (DBA 736, 136-249; ADB 17, 634f; Jöcher 2, 2249; RGG 4 5, 70; Matrikel Halle, 254; Matrikel Leipzig, 249; Pfarrerbuch Brandenburg 2/1, 478f; vgl. Brief Nr. 57, Anm. 4). Lange verfaßte zahlreiche theol. Schriften, insbesondere pietistische Streitschriften, und war ab 1709 Wortführer in den Auseinandersetzungen mit Valentin Ernst Löscher und Christian Wölfl".

31 Günther Heiler (s. Brief Nr. 42, Anm. 30).

32 Wohl Joachims älterer Bruder Nikolaus Lange (s. Brief Nr. 7, Anm. 12), der in Hamburg lebte.

33 Ein entsprechender Brief von Nikolaus Lange ist nicht überliefert.

34 Zur Anstellung Joachim Langes bei Heiler kam es nicht (vgl. Brief Nr. 57, Z. 5-13 und Anm. 6).