266 Nr. 71 Pli.J. Spener an A.H. Francke 14.1.1693

71. Ph.J. Spener an A.H. Francke

Berlin, 14. Januar 1693

Inhalt

Äußert größte Besorgnis wegen der Vorgänge in Halberstadt. - Ist um ein Gutachten über die Offenbarungen Heinrich Kratzensteins gebeten worden. - Eine Streitschrift Johann Simons gegen Spener ist erschienen. - Anfragen von Johann Hieronymus Wiegleb und vom sachsischen Kurfürsten liegen vor.

Überlieferung

A: AFSt/H A 125: 29

D: Kramer, Beiträge, 283-284; Tholuck 2, 18-19

Gnade, liecht, rath, heil, krafft, sieg und friede vor unsrem liebsten Heiland! In demselben hertzlichgeliebter Bruder und Herr.

Von deßen sache 1 habe nun ein paar wochen nichts mehr gehöret, noch weiß was vorgehet, weil der Halberstattsche handel 2 mich so involviret, das noch in diesen jähr keinen ministrum sprechen könen: und ist mir von einem , alß es erstlich herkam, in faciem gesagt worden, wo dergleichen offenbahr falsche dinge nicht verwerffen wolte, so würde darmit alles, was gutes pro causa pietatis intendiret, zu boden geschlagen. Unser gute Herr M. Achilles mag keine gütige sentenz bekommen, und ich, weil ich auch suspectus, vermag nichts vor ihn. 4 Die gute J[ungfer] Jahnin u. Herr Semlern dörffen auch in großer gefahr sein 3 ; also stehet die sache, das von menschen wenig zuhoffen.

' Die in Berlin angestrebte Versetzung Franckes nach Calbe (vgl. Briefe Nr. 6169).

2 Die Vorgänge um Anna Margaretha Jahn (s. Brief Nr. 22, Anm. 18) in Halberstadt (s. Brief Nr. 67, Z. 20-22 und Anm. 9 und Nr. 68, Z. 10-31 und Anm. 7).

3 Nicht ermittelt.

4 Andreas Achilles (s. Brief Nr. 8, Anm. 9) war zwischen Weihnachten und Neujahr aus Halberstadt geflohen und hielt sich inzwischen in Berlin auf, um bei Spener Unterstützung zu suchen. Am 3.1.1693 hatte die Bürgerschaft Haiberstadts einen Brief an den Rat gesandt und u.a. im Blick auf Achilles gefordert,daß diese Leute die Stadt raeumen muessen" (Ausführliche Beschreibung [s. Brief Nr. 81, Anm. 17], 156160, Zitat 160). In Beantwortung dieser und einer weiteren Relation aus Halberstadt vom 6.1. erließ der Kurflirst am 14.1. an Regierung und Kon­sistorium in Halberstadt ein Reskript mit dem Bericht von Achilles' Verhör am 11.1. in Berlin, aus dem dieser zur weiteren Inquisition zum Halberstädter Konsistorium zurückgeschickt worden war; die Protokolle dieser Inquisition sollten an die theol. und juristische Fakultät Rostock zur Begutachtung gesandt werden. Allgemein sollten die Halberstädter Prediger die Gemeinden dar­über informieren, daß fanatische Offenbarungen nichts mit Pietas zu tun hätten; man solle nicht das Gute mit dem Bösen wegwerfen (vgl. Abschrift des Reskripts im AFSt/H A 81': II und Aus­führliche Beschreibung, 152. 169-172).

3 Anna Margaretha Jahn und Gebhard Levin Seniler (s. Brief Nr. 10, Anm. 26) waren auf­grund der Ereignisse am 22. und 23.12.1692 in Halberstadt (s. Briefe Nr. 67, Anm. 9 und Nr. 68,