Nr. 71 Ph.J. Spener an A.H. Frauke 14.1.1693
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Ich vor mich bin nicht in abrede, wie auch gehörigen orts contestiret, das alle angäbe, die ich finde, dagegen militiren, das die vorgebende revelation der J. Jahnin nicht göttlich seye, 6 doch bleibet noch ein formido oppositi übrig, so mich zurückhelt. Hiegegen sind einige acta Herrn Kratzenstein betreffend [5 von Quedlinburg um ein responsum an mich gesandt worden. 7 Sehe es alß eine göttliche Schickung an, das mir eine gelegenheit gegeben wird, an einem exempel zu zeigen, das die offenbahr falsche revelationes getrost verwerffe 8 , wie bey dieses Mannes phantasien thue, der sich nicht scheuet zuschreiben, das Paulus an einigen orten Christi sinn getroffen, an andern aber wider die 20 schrifft gelehrt u. auß der vernunfft gefehlt habe, u. was andre dergleichen dinge sind. Das schlimmste ist, das Jahnin auch durch eine bezeugung ihnju- stificirt, u. seine Widersacher verdammt hat, welches ein starckes praejudicium gegen sie geben mag.
Es hat nun abermal einer L. Joh. Simon Superintendent] zu Kirchhayn 25 in Niderlausitz 9 gegen meine 2 letzten tractatus wider Herrn D. Meyern 1 " geschrieben sub titulo: Große leute fehlen auch 11 : weiß nicht, ob ich ihm selber antworten, oder einen andern ansprechen will, der michs überhebe 12 .
18 /zu zeigen/. 20 /Christi/ : (Pauli).
Anm. 7) inzwischen beide in Arrest genommen worden (vgl. Adelheid Sybille Schwarz an Francke, 31.12.1692, SBPrKB, Nachlaß Francke, Kaps. 19: 3; Wotschke, Debora, 273).
6 Vermutlich meint Spener ein mündliches Votum in der Sache gegenüber der Regierung. Er hatte schon in seinem Brief vom 31.12. die Göttlichkeit der Offenbarungen für zweifelhaft erklärt (s. Brief Nr. 68, Z. lOff).
7 U.a. das Protokoll des Verhörs von Heinrich Kratzenstein (s. Brief Nr. 59, Anm. 25) vom 20.12.1692 (Schulz, 74).
8 Ph.J. Spener, Theologisches Bedencken Heinrich Kratzensteins Bürgers und Goldarbeiters zu Quedlinburg vermeynte Offenbahrung und andere Grobe Irthümer betreffend, Berlin 1693 (Grünberg Nr. 28. 194). — Vgl. ders., Erklärung, was von Gesichten, Erscheinungen und dergleichen Offenbahrungen zu halten seye: in einer Predigt vorgestellet: samt dessen Theologischem Bedencken in Sachen Henrich Kratzensteins, und dessen vorgebender Offenbahrung, Frankfurt 1693 (Grünberg Nr. 28).
9 Johann Simon (1632-1701), geb. in Dresden; Studium in Wittenberg (1659 Magister), 1677 Pastor primarius in Kirchhain und Superintendent in Doberlug (DBA 1186, 440-441; Jöcher 4, 603). - Simon verfaßte mehrere Schriften gegen Spener (vgl. Gierl, 54. 139f. 179f u.ö.).
10 Gemeint sind die im Titel von Simons Schrift (s. Anm. 11) genannten Traktate gegen Johann Friedrich Mayer (s. Brief Nr. 17, Anm. 35): Die Freyheit der Gläubigen/ von dem Ansehen der Menschen in Glaubens=Sachen/ in gründlicher Beantwortung der so genandten abgenöthigten Schutz=Schrifft/ welche im Namen dess evangel. Hamburgischen Ministerii, von Johann Friedrich Meyern/ aussgefertiget worden, Frankfurt a.M., 1691 (Grünberg Nr. 285): Sieg der Wahrheit und der Unschuld (s. Brief Nr. 33, Anm. 24).
" J. Simon, Davidischer Ausspruch/ Grosse Leute fehlen auch Psal. 62. v. 10 Durch das Exempel Herrn D. Philipp Jacob Speners/ &c. In seinen Zweyen Tractaten/ I. Freyheit der Kinder GOttes von Ansehen der Menschen/ II. Sieg der Warheit und Unschuld/ Vorm Jahre vorgestellet: Anjetzo erlaeutert, o.O. 1693 (Grünberg Nr. 471).
12 [Anonym], Rettung Der Warheit und Unschuld/ [...], Frankfurt a.M. 1694 (mit einem Vorwort Speners; Grünberg Nr. 255. 491).