268

Nr. 71 Ph.J. Später an A.H. Francke 14. t. 1693

Herr M. Wiegeleben begehrt auch von mir antwort über 6 fragen 13 : ist mir aber unmüglich so geschwind, wie es ihm gleichwol nötig sein mag, indem mit Kratzensteins responso 14 zuthun gehabt, und in causa Pietismi auff be­gehren an den Churfjursten] von Sachsen etwas verfertigen muß 15 . Wünsche aber, das die liebe freunde sich in solcher materie wol versehen, und lieber concisius als prolixius antworten. Ich höre es seye vor noch nicht solanger zeit, alß inter Jenenses et Witebergenses contravertirt worden, auch solche frage ventilirt 16 : dienet vielleicht zu einiger hülffe. Hiemit göttlicher gnade treulich erlaßende verharre

Meines hertzlichgelfiebten] Bruders u. Herrn zu gebet u. liebe williger

Ph[ilippj J[acob] Spener D. Mppria

Berlin den 14. Jan. 1693.

33 /sich/.

13 Johann Hieronymus Wiegleb (s. Brief Nr. 8, Anm. 15) hatte sich am 23.12.1692 an Spener mit der Bitte tun Beratung bei der Beantwortung einiger Fragen der theol. Fakultät Jena gewandt (AFSt/H C 243: 8). Diese betrafen die u.a. von Wiegleb 1692 verfaßte und 1693 gedruckte Con- fessio oder Glaubens-Bekaentniß derer Pietisten in Gotha: sampt einem darüber gestellten kurtzen Bedencken, o.O. 1693, deren Manuskript das Gothaer Konsistorium an die Jenaer Fakultät mit der Bitte um Begutachtung gesandt hatte (vgl. AFSt/H D 115a: 1114). Bei der Beantwortung des umfangreichen Rückfragekatalogs der theol. Fakultät Jena (vgl. D 115a: 15-52) sucht Wiegleb Rat in der Frage nach der Erleuchtung: ob die Gothaer wie die Quäker von eineroperatio di- versa" oder mit den Lutheranern von eineruna operatio" von Heiligem Geist und Wort Gottes ausgingen, wobei er diese Anfrage in 6 Teilfragen untergliedert (vgl. auch die nicht datierte, u.a. von Wiegleb unterzeichnete Antwort an die theol. Fakultät Jena, AFSt/H D 115a: 55109).

14 S. Anm. 8.

15 Spener hatte Johann Georg IV. (s. Brief Nr. 17, Anm. 27) im Januar 1692 nahegelegt, sich der Sache der Pietisten in Sachsen anzunehmen, und vorgeschlagen, sich davon zu überzeugen, daß nur wenige Theologen der Auffassung seien, daß es mit dem Pietismus etwas Böses auf sich habe. Dazu sollte der Kurfürst nach Wittenberg und nach Leipzig zugleich je einen Mann senden, der sämtliche Mitglieder von Universität, Ministerium und Rat gesondert zusammenrufen und ihnen mitteilen sollte, daß sie innerhalb von 24 Stunden ihre Auffassung vom Pietismus auf­zuschreiben hätten. Diese Voten sollten in verschlossenen Umschlägen abgegeben und direkt zum Kurfürsten gebracht werden: Die Umgehung des Konsistoriums, so meinte Spener, würde ein wesentlich anderes Ergebnis als eine Befragung unter Einbeziehung dieser Ebene ergeben (LBed. 3, 639641). Zugleich hatte er dem Kurfürsten einegerechte beschwerde ueber das so mir als andern unter dem Namen der Pietisten angethanes unrecht" übergeben (Bed. 3, 906911). Johann Georg IV. hatte jedoch zurückhaltend reagiert; erst am 26.7.1692 war ein Reskript an alle Superintendenten ergangen, über den Pietismus zu berichten. Wohl Ende 1692 bat Johann Georg IV. Spener erneut, einen Fragenkatalog für die durchzuführende Untersuchung zusammen­zustellen, worauf Spener am 16.1.1693 in Form einer erneutenbeschwerde ueber das unbillige verfahren in der sache Pietismi" reagierte (Bed. 3, 934940; vgl. Grünberg 1, 316f).

16 Es ist nicht klar, welche Frage Spener hier meint: Es kann um die Frage nach der Erleuch­tung durch den Heiligen Geist (s. Anm 13), eine Befragung über den Pietismus (s. Anm. 15) oder allgemein um die Sache des Pietismus gehen, wobei eine entsprechende konkrete Kontroverse zwischen der Wittenberger und der Jenaer Fakultät nicht nachgewiesen werden konnte.