Nr. 73 A.H. Francke an Ph.J. Später 26. i. 1693
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der Gnade Gottes furnemlich die Äbtißin 8 wegen der jetzigen proceduren in Quedlinburg gewarnet. 9 Der Herr aber wird wißen ob alles zum zeugniß 15 oder zur beßerung geredet sey. Bey der Pröbstin 10 habe ein warheit liebendes Gemüth angetroffen, hat auch drey personen von weiblichen bedienten um sich 11 , welche es ernstlich mit Gott meynen, und sie wol im guten stärcken werden. In des Herrn Stifftshauptmanns hause erzeiget gewiß der Herr große barmhertzigkeit, so wol in dem Sie selbst ungemeine krafft des Glaubens 20 beweiset, als auch in dem einige adeliche freulein und kinder, so um sie sind recht begierig in den wegen Gottes lauffen, 12 daß wol nicht zu verwundern, daß sich der Satan dagegen sperret.
Von Kratzenstein versichere, daß die relationes, auch welche gantz sicher scheinen, sehr gefahrlich sind 13 , und lautet es wei[t] anders, wenn man ihn 25 selbst, und andere so wol mit ihm bekant sind, reden höret, daher ich mich noch nie erkühnet, ihn directe zu verwerffen, ob ich ihm wol ehemals selbst unter äugen bekant, daß ich in seiner matrimonial Sache 14 , wie ich sie eingenommen, gantz von ihm dissentire. Hingegen machen mich einige Umstände blöd[e,] daß ich dencke Gott habe sein werck darunter, wie er denn selbst 30
28 matrimonial ( hatr[i]monial
8 Anna Dorothea von Sachsen-Weimar, Äbtissin von Quedlinburg (s. Brief Nr. 14, Anm. 2). Francke hatte bereits im Herbst 1691 erbauliche Gespräche mit ihr gehabt (s. Brief Nr. 14, Z. 7-11).
9 Abgesehen von den Vorgängen um Heinrich Kratzenstein (s. Anm. 13) spielten in Quedlinburg zu diesem Zeitpunkt Auseinandersetzungen um eine von Johann Heinrich Sprögel (s. Brief Nr. 8, Anm. 10) am 2. Advent 1692 gehaltene Predigt über das 1. Gebot eine Rolle: die Äbtissin hatte Sprögel am 14.12. angewiesen, das Konzept der Predigt einzusenden, und seit dem 21.12. Zeugen über die Predigt vernehmen lassen; am 7.1.1693 hatte Sprögel die Predigt eingereicht. Am 18.1. war auch im Interesse der Äbtissin die Magd von Sprögels Schwiegersohn auf dem Rathaus verhört worden; es ging darum, einen Zusammenhang zwischen Sprögel und Kratzenstein nachzuweisen. Ein Verhör Sprögels am 3.2.1693 beschloß die Angelegenheit der Predigt bis zu ihrer Wiederaufnahme im Jahr 1697 (Schulz, 65-69. 96-99). - Zugleich wurde seit Ende Dezember 1692 Anna Eva Jakobs (s. Brief Nr. 55, Anm. 21) wegen des Aufruhrs, den ihre Ekstasen verursachten, zunächst auf dem Rathaus und danach beim Knecht des Stadtvogts auf dem Kirchhof gefangengehalten (Schulz, 77-80).
111 Magdalena Sophia von Schleswig-Holstein-Oldenburg (30.5.1664-25.11.1720), seit 1685 Pröpstin von Quedlinburg, konvertierte später (Zedier 13, 666; Schulz, 3f).
11 Nicht ermittelt.
12 Gemeint ist hier u.a. Martha Margaretha von Schönberg (1674-Okt. 1703), die zunächst im Dienst des Quedlinburger Stifts gewesen war, seit 1691 im Haus von Stammer lebte und Francke bekannt war. Sie ging 1699 nach Halle und engagierte sich beim Aufbau des Waisenhauses (Schulz, 78. 88; Witt, 47. 64. 112 u.ö.; Pfarrarchiv St. Georgen, Tauf- und Sterberegister 1637-1701, Teil Beerdigungen, 10; vgl. Brief Nr. 62, Anm. 29). - Auch die Quedlinburgerin Augusta Graser, über deren Ekstasen Schwarz an Francke schon im Dezember berichtet hatte (Adelheid Sybille Schwarz an Francke, 15.12.1692, SBPrKB, Nachlaß Francke, Kaps. 19: 4-5; Witt, 42), kommt in Frage.
13 Heinrich Kratzenstein behauptete, seit 1691 göttliche Offenbarungen zu haben (s. Brief Nr. 59, Anm. 25).
14 Zur Nichtigerklärung von Kratzensteins Ehe vgl. Brief Nr. 59, Anm. 25.