274

Nr. Ii A.H. Francke an Ph.J. Spcner 26. 1. 1693

einiges sich nicht schämet zu bekennen, daß er unrecht gethan. Ich will ihn aber auch nicht recht sprechen. Gott wird es selbst zeigen. Dieses ergreiffen die bösen, und was wieder ihn gesprochen wird auch aus guter Meynung, das müßen alle rechtschaffene entgelten.

35 In der Calbischen Sache höre ich ist nun ein rescript ergangen, daß ich hier bleiben solle. 15

Herr D. Olearius 16 hat mich zu sich gefordert, und sich darüber beschweret, daß leute aus der Stadt in meine betstunden gehen. 17 Wo Isaac einen neuen brunnen gegraben hat, da hat er einen neuen zanck. 18 Ich habe sehr einfaltig

40 mit Ihm geredet, daß es bloßer Neid und Ehrgeiz sey, in dem es niemanden praejudicire, so wir ohne eigenen [?] absichten einem Herrn dieneten, it[em] daß sie es an jenem tage nicht würden verantworten können, und einen schlechten lohn dafür bekommen würden, daß sie Herrn D. Breithaupts 19 collegium so viel an ihnen wäre gehindert hätten pp. 20 Was ihnen Gott zuläßt,

45 muß ich auch geschehen laßen. Des L. Simons Schrifft habe ich noch nicht gesehen 21 , höre doch auch von andern davon reden. Herrn M. Wiegeleben habe auch noch nicht geantwortet wegen mangel der zeit. 22 Einlage bitte ich ohnschwer dem Herrn Postmeister zuzusenden. 23 Ich verharre hiemit Meines theuresten Vaters Gehorsamer Sohn

50 M. August Hermann Francke.

Glauche an Halle den 26. Jan. 1693.

35 Sache(n(?)}. 41 eigenen [?] absichten ] eigene Absicht: D.

15 Nicht überliefert. Zu den Bestrebungen, Francke nach Calbe zu versetzen, vgl. zuletzt Brief Nr. 71, Anm. 1.

16 Johann Christian Olearius (s. Brief Nr. 20, Anm. 3).

17 Über Franckes Betstunden hatte man sich im Ergebnis der Untersuchungskommission dahingehend geeinigt, daß Francke die Zusammenkünfte schon vor der Abendmahlzeit halten sollte; ein Verbot der Teilnahme von nicht in Franckes Haus wohnenden Personen an der Bet­stunde wurde nicht durchgesetzt (s. Brief Nr. 58, Anm. 28).

18 Gen 26,19-22.

" Joachim Justus Breithaupt (s. Brief Nr. 7, Anm. 36).

20 Im Ergebnis der Untersuchungskommission hatte Breithaupt sich am 27.11.1692 darauf eingelassen, sein collegium biblicum vorerst einzustellen (s. Brief Nr. 58, Anm. 27).

21 J. Simon, Davidischer Ausspruch/ Grosse Leute fehlen auch [...] (s. Brief Nr. 71, Anm. 11).

22 Johann Hieronymus Wiegleb (s. Brief Nr. 8, Anm. 15) hatte in einem Brief vom 3.1.1693 Francke gebeten, bei der dringend notwendigen Klärung der Nachfolge für Johann Heinrich Rümpel (26.3.1650-19.8.1699) im Amt des Rektors am Gothaer Gymnasium behilflich zu sein; Rümpel war 1692 Superintendent in Salzungen geworden (vgl. zu Rümpel DBA 1067, 335339; Geissendoerfer, 27. 34. 44; Schicketanz, 118. 167). Breithaupt habe die seit längerem vor­liegende Anfrage, ob der derzeitige Konrektor am Gymnasium in Halle, Gottfried Vockerodt (s. Brief Nr. 16, Anm. 44), die Nachfolge antreten könne, bisher nicht beantwortet (AFSt/H C 243: 9).

23 Person und Beilage wurden nicht ermittelt.