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Nr. 75 PhJ. Spener an A.H. Francke 4.2.1693

propheten nicht annehmen: ob ich wol nicht so hart gegen ihn sententionire, alß er sich das urtheil spricht: er müße entweder auß Gott, oder ein loser böse wicht sein: Den wie ich jenes von ihm in seinen offenbahrungen nicht

2o sagen kan, so achte ich mit dem letzten geschehe ihm zu viele: sondern ich zweiffle, ob er vollkommen seinen verstand gebrauchen könne. Es kommen auch in dem bedencken einige andre dinge vor auß den zeugenaußagen, die ich dahin stelle, auch selbs einige beßer interpretiret habe: aber oben gemeldter maßen ist das hauptwerck gegründet auff seine eigne schrifften. 8

25 Wo er nun schon auff anderer einreden u. underricht anfienge seine Sachen anders zuerklehren u. zuändern, wäre mirs sofern lieb um seinetwillen, aber indeßen bliebe dannoch und würde vielmehr dardurch bestärcket, das er kein prophet, alß denn nicht erst andre seine propheceyungen zu expoliren nötig haben. Der Herr wende ab alle fernre ärgernus. Von Halberstatt muß man

30 jetzt täglich neue schwehrigkeiten erwarten 9 , die mich mehr nidertrucken, alß jemal einige andre dinge. Doch der Herr wird helffen, und die seinen willen zuerkennen begihrig sind, nicht in ewiger Ungewißheit laßen.

Herr M. Wiegleben habe selbs geantwortet 10 , hoffe, es werde ihm durch die post zukommen sein: habe ihm ein locum D. Dannh[aueri]" in theolfogia]

35 Consc[ientiaria] 12 angedeutet, da er die quaestion vor ihn decidirt 13 . In Ham­burg sind wider große motus, wegen eines büchleins von der kinderzucht 14

7 Im Sinne einer interpretatio ad meliorem partem.

8 Welche Teile des Spenerschen Bedenkens auf Zeugenaussagen und welche auf eigene Äußerungen Kratzensteins zurückgehen, läßt sich nicht rekonstruieren (vgl. Schulz, 9294).

9 Andreas Achilles (s. Brief Nr. 8, Anm. 9), der in Berlin verhört und zur weiteren Inquisition nach Halberstadt zurückgeschickt worden war (s. Brief Nr. 71, Anm. 4), war inzwischen (am 28.1.1693) dem Befehl zur Rückkehr nachgekommen; im Ergebnis der Verhöre in Halberstadt am 31.1. und 4.2. drang der Magistrat darauf, ihn aus der Stadt zu verweisen (Ausfuhrliche Be­schreibung [s. Brief Nr. 81, Anm. 17], 172). Anna Margaretha Jahn (s. Brief Nr. 22, Anm. 18) und Gebhard Levin Semler (s. Brief Nr. 10, Anm. 26) waren weiterhin inhaftiert (s. Brief Nr. 71, Anm. 5).

10 Speners Antwort auf Johann Hieronymus Wieglebs (s. Brief Nr. 8, Anm. 15) Brief vom 23.12.1692 (s. Brief Nr. 71, Anm. 13) ist nicht überliefert.

11 Johann Konrad Dannhauer (24.3.16037.11.1666), geb. Köndringen i. Breisgau, einer der bedeutendsten lutherischen Theologen des 17. Jahrhunderts und Lehrer Speners; 1629 Prof. der Rhetorik, 1633 Prof. der Theol. in Straßburg, 1658 zugleich Straßburger Kirchenpräsident (DBA 221, 31-34; ADB 4, 745f; Jöcher 2, 27f; RGG 4 2, 563f; J. Wallmann, Straßburger lu­therische Orthodoxie im 17. Jahrhundert. Johann Conrad Dannhauer. Versuch einer Annäherung, in: Revue d'histoire et de philosophie religieuses 68, 1988, 55-72; Wallmann, 100-125).

12 J.C. Dannhauer, Liber conscientiae apertus, sive theologiae conscientiariae [...], 2 Bde., Straßburg 1662/67.

13 Gemeint ist wohl aus dem 1. Band Pars secunda therapeutica, Sectio secunda specialis. Sym- buleutica seu Casualis, Dialogus secundus, De Luce Conscientiae Duce, Scriptura Sacra, Casus XV: An ad intelligentiam Scripturae S. exigatur specialis Spiritus S. illuminatio? (in der 2. Aufl. von 1679, 438f).

14 P. Poiret, Les prineipes solides de la Religion, et de la Vie Chretienne, appliquez ä l'Educati- on des Enfans et applicables ä toutes sortes de personnes; opposez aux idees seches et Pelagiennes, que l'on fait courir sur de semblables sujets, Amsterdam 1705. Die Schrift war zuvor nur im