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Nr. 80 Ph.J. Später an A.H. Francke 6. 5. 1693
2o verlangt, daß geliebten Bruders gaben nicht einem ort allein möchten frucht schaffen, sondern dero nutzen gemeiner werden. Ich werde alles gern lesen, und alles notiren, was etwa unsren kützlichten leuten möchte anstoß geben.
Im übrigen gönnete demselben hertzlich gern eine sublevation in seinem amt, und daß was noch durch einen andern könnte verrichtet werden, auff
25 andre schultern geleget, darmit aber deßen kräfften theils geschohnet, theils zu wichtigern dingen angewendet würden: aber ich sehe noch große schweh- rigkeit, die ich, der sonsten, wo es bey mir stünde, kein 8 tage warten wolte, daß nicht gratificiret würde, noch nicht zuüberwinden weiß. In dem sorgen muß, wo es proponirt werde, das der Schluß ehe dahinauß fallen möchte,
30 wo er nicht alles verrichten könte, das er entweder einige arbeiten, welche andre nicht verrichtet, underlaßen solte, oder man demselben selbs etwas, zum exempel die profession, abnehmen müßte. Bitte mir also nur erstlich zuberichten, was vor labores derselbe einem andern aufzutragen gedachte, ob nicht etwa dieselbe auch ohne wesen darvon zumachen durch einige studiosos
35 möchten versehen werden können. Dann ich weiß, wie schwehr es mit dergleichen insuetis wird, und ob geliebter Bruder jetzt die kirche nicht zu- beschwehren gedencket, was andre dennoch ihnen vor sorge wegen derselben künfftig zustoßender last machen werden: so wird die größeste difficultet sein, das es heißen wird, demselben könte die wähl eines subjecti nicht gelaßen,
4o hingegen möchte leicht einer auffgebürdet werden, davon mehr hindernus als forderung zuerwarten wäre. Ich habe seither mit einem vertrauten freund 6 darvon etzliche mal zureden, und die sache in der forcht des Herrn zu überlegen gesucht, aber noch nicht darzu kommen können. Ehe ich aber mit demselben conferiret, traue ich nichts serio vorzutragen. Der Herr weise uns
45 selbs den weg 7 , wie der vor äugen habende christliche zweck am nachtrück- lichsten möge erreichet werden können. Ist etwas zuerhalten, so solle es mich nicht weniger freuen, als ob mir selbs eine sublevation geschehen wäre. Was auch von kräfftigem lauff des wercks u. worts des Herrn bey ihnen gemeldet wird, ist ebenfalls ein stück meiner hertzlichsten freude, und ursach göttlichen
50 preises. Ach das es noch ferner bey ihnen also fortfahre, und an andern orten nicht weniger mit krafft anhebe. Von der Fraül[ein] von Rücksleben 8 habe
28 /weiß/ : (sehe). 46 möge ] + (zu\ve(?)).
und Bet=Tage [...] betreffend, Leipzig, Halle 1693 (Francke-Bibliographie Nr. C 8.1+2; ab 1702 unter dem Titel: Einfaltiger Unterricht Von der Führung des Predig=Anits [aaO Nr. C 8.3+4]; auszugsweise Wiederabdruck in Francke, Werke in Auswahl, 74—91).
6 Nicht ermittelt.
7 Ps 27,11; Ps 86,11.
8 Zu von Rücksleben wurden keine Lebensdaten ermittelt. Sie wurde kurze Zeit spater ins elterliche Haus gerufen, und es gelang Francke offenbar nicht mehr, zu ihr Kontakt aufzunehmen (vgl. Brief Nr. 81, Z. 65-69; Anna Magdalena von Wurm [s. Brief Nr. 81, Anm. 24] an Francke, 25.6.1693, AFSt/H A 130 a : 11; vgl. Witt, 41).