Nr. 80 Ph.J. Späterem A.H. Fnmeke 6. 5. 1693
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auch vorhin noch nicht gewußt: der Herr stärcke sie auch immer mehr u. mehr, und gieße seinen geist auß auff alles fleisch 9 .
Sonsten habe seiter widerum einen starcken anstoß gehöret, das Jfungfer] Gräfin 10 in extasi von dem Untergang der statt Quedlinburg in 7 tagen pro- 55 pheceyet 11 , deswegen auch einige auß derselben gewichen, so nun aber der eventus selbs vanitatis redarguiret. Wie mir auch von der Anna Maria Schu- chartin 12 dergleichen dinge erzehlet worden, die allerdings einem Christen nicht anstehen, so höre nur auch von den beiden größten [?] eestaticis zu Quedlinburg u. Halberstatt 13 , das sich ihr Christenthum sehr schlecht be- 60 zeuge. Welches neue scrupel macht. So hat Herr Köster 14 Herrn Falcknern 13 dahin gebracht, das er nun keine eestases mehr habe. Auch hat dieser gesagt, wie er daran gekommen, und das ex imaginatione intensa Göttl[icherJ dinge er sich die erwecken könne: auch nun da er anders intendiret und einen beßern weg suchet, seye er ruhiger. Wäre ich in dieser materie, die extra- (.5 ordinaria angehend, auff eine oder andre seite gewißer, so deucht mich, solte ein größstes stück der sorgen gehoben sein: da ich jetzt mir in vielem nicht zu helflen weiß.
Der gute Herr Köhler ist nun wider außer condition u. von seinem pfar- herrn weg 16 : beschreibet denselben gar anders, als er sich bey mir angestellet, 70 wo er diese ursach vorwendete, warum er von mir einen praeeeptorem verlangte, weil er vorhin debauchanten 17 gehabt, daher er gern einen recht
62 Auch hat dieser ] : (So) hat 2 dieser 1 auch 1 .
9 Joel 3,1.
10 Nach Darstellung von Feustking (J.H. Feustking, GYNAECEUM HAERETICO FA- NATICUM Oder Historie und Beschreibung Der falschen Prophetinnen/ Quaeckerinnen/ Schwaermerinnen/ und andern sectirischen und begeisterten Weibes=Personen/ Durch welche die Kirche GOttes verunruhiget worden [...], Frankfurt a.M. 1704, 324f) und Schulz (54. 101) handelt sich hier um Maria Graf. Die überlieferte Primärquelle (s. Anm. 11) nennt keinen Vornamen, so daß auch denkbar ist, daß es sich um Agnes Gräffner (s. Brief Nr. 34, Anm. 6) handelt.
11 Graf soll am 29.4.1693 um 10 Uhr im Haus Johann Heinrich Sprögels (s. Brief Nr. 8, Anm. 10) gerufen haben: „In 8 tagen, [...]/ wird der H. diese Städte verderben [...] / Fliehet, [...], auch blud räche, [...]/ Ach das Gotterbarm/ Ach wo nun hin, [...]/ Darauff sie todt zur Erden gefallen, endlich nach einer halben Viertelstunden wieder angefangen und gesaget: Das Lam, [...] hat den Sieg erhalten [...]." Im Verhör am 3.5.1693 berichtete Sprögel, daß Graf schon länger bei ihm wohne (LHA Magdeburg, Rep. A 22, Nr. 150, Bl. 50; vgl. auch die Anm. 10).
12 Anna Maria Schuchart (s. Brief Nr. 22, Anm. 15).
13 Anna Eva Jakobs in Quedlinburg (s. Brief Nr. 55, Anm. 21) und Anna Margaretha Jahn in Halberstadt (s. Brief Nr. 22, Anm. 18).
14 Möglicherweise handelt es sich um den offenbar in Berlin lebenden B. Köster, von dem ohne Ort und Datum ein Brief (an Spener ?) im AFSt/H vorliegt (A 140: 43).
15 Daniel Fakkner (s. Brief Nr. 12, Anm. 22).
16 Vermudich ist der von Spener schon am 11.4. erwähnte [Christian (?)] Köhler (s. Brief Nr. 79, Z. 82ff und Anm. 22; vgl. Brief Nr. 21, Anm. 12) gemeint. Der Pfarrer wurde nicht ermittelt.
17 Von frz. debaucher = ausschweifend leben, verführen (Duden 2, 676).