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Nr. 81 A.H. Francke au Ph.J. Spener 16. 5. 1693

catechisiret, wird auch so wol von jungen als alten sehr geliebet, und bauet nicht wenig, daß ich eine große hülffe des amts an Ihm habe. Die Sorge ist freylich gar leicht zu machen, wenn ich um einen Diaconum anhalten solte, daß man mir die Profession würde abnehmen wollen. Vielleicht giebt mir der Herr hier einen guten Eingang bey dem Herrn von Danckelmann 3 , u. von Meinders 4 , da ich denn das tempo wol werde wissen in acht zu nehmen. Auch traget mich mein Sinn jetzo dazu, bey S[einer] Churfürstlichen Durchlaucht 5 um audientz anzuhalten. Es geschehe aber in allem nicht mein, sondern Gottes wille. Ich hoffe sonst es solte auch nur eine kleine conferentz 6 nicht ohne sonderer Frucht abgehen.

Mit Herrn Hochmann 7 und Sultzbergern 8 sind beydes der Herr D. Br[eithaupt] u. ich bißanhero nicht wol zufrieden gewesen 9 , haben auch nicht allein ihnen selbst, sondern auch für andere unsern dissensum bezeuget, ob wir wol dabey behutsam verfahren, nicht übel ärger zumachen. Sultz- berger erkläret beydes Tauffe und Abendmahl für unnöthig, und da ich ihn praesentibus M. Stiessern 10 und Reichhelm" in diesen und andern Stücken

nach den hier gemachten Angaben (vgl. bis Z. 22) Mitarbeiter Franckes war. Er dürfte identisch sein mit dem Verfasser eines Berichts, den Francke einem vom 31.10.1695 datierenden Brief an Samuel Schumacher (Bern) beilegte (Matrikel Halle, 110; Dellsperger, 204, Anm. 6 [hier mit dem Namen Nicolaus Kunold]).

3 Eberhard Christoph Balthasar von Danckelmann (s. Brief Nr. 13, Anm. 8).

4 Franz von Meinders (s. Brief Nr. 22, Anm. 26).

5 Friedrich III. (I.) von Brandenburg (s. Brief Nr. 18, Anm. 11).

6 Der Kurfürst kam offenbar im Juni 1693 selbst nach Halle (vgl. die Ankündigung in Brief Nr. 84, Z. 21f).

7 Ernst Christoph Hochmann von Hochenau (s. Brief Nr. 79, Anm. 17).

8 Der Jurastudent Christian Sigismund Sultzberger (s. Brief Nr. 16, Anm. 33) aus Leipzig gehörte zu dem Kreis, der sich seit dem Frühjahr 1693 um Hochmann versammelte (s. Brief Nr. 79, Anm. 19). Er hatte ähnlich Hochmann eine Bekehrung erlebt und trat seitdem für ein spiritualistisch.es Christentum ein. Im Verhör am 1.5.1693 (vgl. das Protokoll im GStA PK HA I, Rep. 52, Nr. 159 N 7, 1693-1708, Bl. 718-721) hatte Sultzberger ausgesagt, daß er mit Hochmann nur im Hause Petersen (s. Briefe Nr. 7, Anm. 46 und Nr. 17, Anm. 33) einmal an einem Abend­mahl mit Brot und Wein teilgenommen habe, sonst würden sie im kleinen Kreis das geistliche Mahl halten (s. Z. 4043). In den Berichten der Untersuchungskommission (von Jena, Stryck, Olearius, s. Anm. 12 bis 14) an die Regierung vom 2. und 9.5. (GStA PK, aaO, Bl. 724-726. 695f) spielte gerade das Abendmahl in Petersens Haus eine zentrale Rolle. Sultzberger befand sich inzwischen im Arrest auf seiner Stube, Hochmann auf dem Rathaus (Renkewitz, 22. 29-33, 36).

9 Neben den schon zitierten Briefen Joachim Justus Breithaupts (s. Brief Nr. 7, Anm. 36), in denen es um die Ereignisse um Hochmann geht (s. Brief Nr. 79, Anm. 19), ist hier dessen Brief an Spener vom 19.5. aufschlußreich: darin betrachtet Breithaupt Sultzbergers Sache wegen der Ent­haltung von den Sakramenten ebenfalls als besonders schwerwiegend (AFSt/H D 66: 193194).

10 Wolfgang Melchior Stisser (11.12.1632-13.4.1709), geb. in Halle; Studium 1651 in Leipzig, 1653 in Jena (Magister), dann in Wittenberg, 1657 in Straßburg, dann in Gießen; 1660 Infor­mator, 1662 Adjunkt an Unser Lieben Frauen in Halle, 1672 Oberdiakon und 1689 Pfarrer an St. Ulrich sowie Inspektor des 2. Saalkreises; 1694 Dr. theol. in Halle, 1699 Oberpfarrer an Unser Lieben Frauen und Inspektor des Stadtministeriums (DBA 1229, 439; Jöcher 4, 846; Dreyhaupt 2, 727f).

" Johann Jeremias Reichhelm (s. Brief Nr. 60, Anm. 16).