Nr. 83 A.H. Frimckc an Ph.J. Spener 24. 5. 1693

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ist es gar nicht applicable wegen vieler Umstände. Herrn Limmern 8 aber hat es guter Ermahnung und Zucht bey Herrn D. Breithaupten 9 nicht erman- 20 gelt. Aber mit denen Menschen die eine merckliche eclipsin iudicii naturalis haben last sich übel auskommen, und gehöret viel weißheit und Gedult dazu. Daß wir mit einer Schrifft bey der Commissfion] ein kommen sollen 10 , habe mit Herrn D. Brfeithaupten] noch nicht communiciret, bin meines theils nicht unwillig dazu. M. Sternebeck 11 ist nur per errorem für die commis- 25 sion loco fratris kommen. Hat keine Gefahr mit Ihm. Von der Pröbstin zu Quedlinburg] 12 weiß ich so viel, daß sie mit Herrn Echlitio 13 unlängst de negotio pietistfarum] sich beredet, daher ich vermuthe, daß sie vorhin von ihm informiret.

Der tumult, der verwichenen Sontag 14 hier in der Moritz Kirchen ange- 30 richtet worden, wird nun bekant seyn. Der Mensch, der dem Nicolai 15 wider­sprochen, heisset Siegfried 16 , wir haben niemals von ihm etwas weder gesehen noch gehöret, doch soll es nun heissen er sey von Br[eithauptJ und Fr[ancke] also instigiret und informiret. So dieses dem pöbel also hingehet, kan gar bald ein blutvergiessen in größerer Maaße erfolgen. Wir wissen aber daß das blut 35 der heiligen theuer geachtet ist für Gott. 17 Dieser Mensch ist würcklich im haupt verrückt, wie mir solche bezeuget, die ihn vorhin gekant. Doch wil mans ihm nicht glauben, sondern sol ein angelegter karre 18 seyn. Er soll auff dem Rathhauß noch sehr hart reden: Ich bin von Gott zu euch gesant, ihr seyd alle des Teuffels wenn ihr euch nicht bekehret, es wird gehen wie Sodom 40 und Gomorra 19 . p. Gottes Verhengniß kan seinen Kindern keinen Schaden

35 erfolgen ( erfolget.

8 [Nikolaus Limmer (?)] (s. Brief Nr. 78, Anm. 26).

9 Joachim Justus Breithaupt (s. Brief Nr. 7, Anm. 36). 1,1 S. Brief Nr. 82, Z. 27-32.

11 Johann David Sternbeck (s. Brief Nr. 82, Anm. 13).

12 Magdalena Sophia von Schleswig-Holstein-Oldenburg (s. Brief Nr. 73, Anm. 10).

13 I Christian Gottfried (?)] Echlitius (s. Brief Nr. 82, Anm. 23).

14 Sonntag Rogate (21.5.1693).

15 Christian Nicolai (s. Brief Nr. 34, Anm. 3).

16 Nicolai hatte am Samstag einen Brief erhalten, der den Anbruch des Jüngsten Tages für 1696 ankündigte. Als er am Sonntag in der Predigt darauf einging, fiel ihm der Verfasser des Schreibens, ein in Halle sonst nicht bekannter Mann mit Namen Johann Heinrich Siegfried, ins Wort. Er warf dem Prediger vor, er sei ein falscher Prophet, und er, Siegfried, wolle das Reich des Teufels zerstören. Nach einem Handgemenge wurde die Predigt zunächst fortgesetzt, mußte aber nach einem weiteren Wortgefecht, in dem Siegfried den Prediger einen Verfluchten nannte, wegen großen Tumultes abgebrochen werden. Die Stadtknechte schleppten den Mann aus der Kirche, er wurde auf dem Rathaus gefangengesetzt und verhört. (UA Rep. 3, Nr. 542; Extrakt eines Schreibens aus Halle vom 23.5.1693, AFSt/H D 74: 303f; vgl. Renkewitz, 34f)

17 Vgl. Apk 16,6 u. 18,24.

18 Einen karn anlegen = sich verschwören, gemeinsame Sache machen (DWB 11, 226f).

19 Untergang der sündigen Städte Sodom und Gomorrha Gen 19,1-29.