310 Nr. 83 A.H. Francke an Ph.J. Spam 24. 5. 1693
83. A.H. Francke an Ph.J. Spener
Glaucha, 24. Mai 1693
Inhalt
Hält Vorwurf zu großer Freiheit für Studenten im Blick auf Ernst Christoph Hochmann von Hochenau, Christian Sigismund Sultzberger und Nikolaus Limmer nicht für angebracht. - Berichtet vom Tumult um den Enthusiasten Johann Heinrich Siegfried in der Moritzkirche.
Überlieferung
A: AFSt/H D 88: 67 D: Weiske 1, 120-121
Glauche an Halle 1693 den 24. Maji.
Immanuel!
Theurester Vater in dem Herrn,
bey verfallener Gelegenheit durch Herrn Heilern 1 (welcher zwar in Leipzig schon bey mir gewesen, aber so wol da als hier (da er sich fast gar nicht zu uns gehalten) noch zur Zeit wenig Früchte der Gottseligkeit von sich spüren [?] lassen, daß eine väterl[liche] ermahnfung] bey ihm wol von nöthen seyn wird) habe mit wenigen in Eyl auff dero geliebtes 2 antworten wollen. Die Sache wegen eines adjuneti 3 befehle ich im Gebet meinem Gott, wie derselbige auch thun wird, da wir denn beyderseits so Gott ein Mittel zeiget nichts verseumen werden, quia causam communem Dei concernit. Gott weiß am besten was uns und seiner Gemeine nutz ist.
Für das communicirte Urtheil, daß man die studiosos zu frühe in alzu große Freyheit gelassen, daß sie deswegen auch allem respect ihrer eigen Praecepto- rum entwachsen 4 , nehme ich in christlicher bescheidenheit an. Ist es darinnen versehen, gebe es uns Gott zu erkennen, der unsere treue am besten kennet; hat man sich aber in dem Urtheil versündiget, so vergebe es Gott. Vielleicht heist es: Tu si hic esses, aliter sentires. 5 An Sultzbergern 6 und Hochmannen 7
1 Wohl Jakob Heiler aus Frankfurt a.M., 1688 Studium in Leipzig, 1691 in Halle (Matrikel Leipzig, 168; Matrikel Halle, 209).
2 Brief Speners vom 20.5. (Brief Nr. 82).
3 Zu den Überlegungen, Francke in seinem Pfarramt einen Adjunkten zur Seite zu stellen, s. Briefe Nr. 80, Z. 23-47, Nr. 81, Z. 4-18 und Nr. 82, Z. 3-13.
4 S. Brief Nr. 82, Z. 17-22.
5 Zitat nach Terenz.
6 Christian Sigismund Sultzberger (s. Briefe Nr. 16, Anm. 33 u. Nr. 81, Anm. 8).
7 Ernst Christoph Hochmann von Hochenau (s. Brief Nr. 79, Anm. 17).