Nr. 93 Ph.J. Spener an A.H. Franckc 19. 5. 1694
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wegen war, suchte er seine dimission. Der schade, den er u. seine antecessores in disponirung der gemüther zu der Römfischen] religion 19 der Kirche in 60 Preußen zugefuget, soll allzugroß sich mehr u. mehr zeigen, und viele vornehme familien inficirt, theils übergetreten, theils auff dem Sprung sein. 20 Wie es auch heißt, das eine starcke anzahl der studiosorum verführet worden: also das schwehr widerum was die leute verdorben, zurecht zu bringen ist. Gott wehre selbs kräfftig dem da öffentlich dort heimlich sich außbreitenden 65 papstum, zu deßen wachsthum wir sorglich selbs das göttliche gericht allzusehr bißher gereitzet haben.
Mit unsrem guten Herrn M. Wartenberg 21 weiß ich fast nicht, was wir mehr anfangen. Geliebter Bruder weißt, wie er bald anfangs hier wegen einiger verstoße wider die Grammatic in die größte Verachtung bey der 70 jugend in der classe gekommen. Ob nun etwa zuerst ehe die sache überhand genommen, mit kräfftigem schütz seine autoritet hätte erhalten werden können, laße ich dahin gestellet sein. Solang ich hier bin, haben wir alles versucht, und nicht nur bey den examinibus, sondern auch bey einiger ihm geschehenen beschimpffung, mit Zuziehung der Rathsdeputirten auch einiger 75 ministerialium, seine autoritet zu restabiliren gedacht: Es ist aber alles vergebens gewesen, weil die Verachtung bey der jugend zu tieff eingewurtzelt: dran er auch eben nicht gantz ohne schuld ist, maßen auch in unser aller gegenwart nicht nur einmal in prosodiam, und syntaxin von ihm impingirt wurde, welches die jugend allzuwol in acht nimt. So mag ihm wol diejenige so lection (als subrectori) zugetheilet sein, darzu er am allerwenigsten tüchtig, dann ihm hauptsächlich ja fast allein die Lateinische spräche anvertrauet ist: wo es ihm manglet, und er in beiden examinibus auff mehrmaliges erinnern, doch nicht dahin gebracht werden konte, das er seiner lection gemäß zu examiniren gewußt hätte. Daher ist ein allgemein klagen auch der übrigen 85 praeceptorum, das ihr respect mit dem seinigen falle, und der meisten statt, das um des manns willen die schul ruinirt werde. Daher wir sehr embarassirt 22 sind: ich selbs liebe ihn meinerseits hertzlich, andern theils kan ich den andern nicht abstehen, die über seine Undichtigkeit klagen, und sorge, er seye durch die fastidia, adversiteten, sorgen u.s.f. diese 4 jähr her so nidergeschlagen 90
60f /der Kirche in Preußen zugefuget,/. 69 hier ( hieb(?). 89 /über/.
oder Dimission war im März abgefaßt worden (vgl. LBed. 3, 619), so daß das entsprechende Dekret ebenfalls bereits von März oder April 1694 datieren konnte.
19 Vermutlich meint Spener nicht Amtsvorgänger, sondern Personen, die schon vor Pfeiffer zur römisch-katholischen Konfession neigten und darin Einfluß ausübten. Welche Personen Spener dabei genauer im Blick hat, läßt sich nicht ermitteln.
20 Auf den Einfluß Pfeiffers wurde 1695 z.B. die Übergabe der Dubia von Johann Ernst Grabe (s. Brief Nr. 99, Anm. 5) zurückgeführt.
21 Ernst Christian Wartenberg war seit 1690 Subrektor am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin (s. Brief Nr. 81, Anm. 25-27).
22 In Verlegenheit/ Verwirrung gesetzt (Duden 2, 898).