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Nr. 108 AM. Francke an Ph.J. Spener 8. 6. 1695
gewissen. D. Meyers Schrifft 23 hat hier viele Schmähungen auch bey dem gemeinen Volck wieder mich erreget. Der Herr wird mich stärcken ihm in Liebe, Weißheit, u. Krafft zu begegnen. In illo campo victoriam et nobis et posteris utilem mihi polliceor.
Hiemit empfhele der Gnade Gottes, u. verharre
Mfeines] Theurfesten] Vat[ers] in Chr[isto] Gehorsamer Sohn
M. A[ugust] Hfermann] Francke. Mppria
P.S. So viel ich aus allen umständen abnehmen kan, hat man mich bereits in Berlin verklaget 24 , und mag wol lästerlich genug eingerichtet seyn, denn ein böser Advocat, mit Namen Gerb 25 , darhinter stecken mag der mir die ohne dem bösen in der Gemeine also auffwiegelt. Es mag zum theil meine letzte Bußpredigt betreffen, welche ich aber jetzo drucken laße 26 , u. künff- tige Woche übersenden kan, da sie verhoffentlfich] sich selbst erklären wird. Zum theil sol man sich über meine letzte Reise 27 beschweren, die ich doch in Warheit ins 4te Jahr aufgeschoben, u. endlich auff inständiges Anhalten meiner Mutter 28 angetreten. Der Segen aber ist so groß gewesen, daß mich nicht wundert, daß mir Satan darüber zusetzet. So ist auch im Amte nichts versäumet, sondern alles wol bestellet worden. Die Boßheit ist jetzt in ihrer rechten crisi, und verstattet man der Gemeine eine Klage wieder mich auszuführen, so wird Thür und Thor zur vollen Boßheit auffgethan, u. mein Amt an ihren armen Seelen gesperret. Ich meynte es wäre wol gut daß mit Hoff=Cammerrath Kraut aus der Sachen geredet würde. Ich vermeynte auch zugleich an ihn zu schreiben, ist aber unmöglich, weil heute ungewöhnlich im Beichtstuhl auffgehalten worden. Ich arbeite mehr als meine Kräffte tragen können, doch beschweret sich der Pöbel, wenn ich rechtschaffene Studiosos für mich predigen laße. Ipse faciet. Valeas in virtute Domini.
23 J.F. Mayer, Anweisung Zum Recht Lutherischen Gebrauch Des Heiligen Psalter—Buchs [...] (s. Brief Nr. 107, Anm. 14).
24 Ein entsprechendes Klagschreiben ist nicht überliefert.
25 Wohl Georg Gerbet (28.1.1648-5.9.1707), geb. in Halle; Studium in Jena, Dr. jur.; Advokat und Achtmann der Gemeinde zu St. Moritz in Halle (DBA 382, 62; Dreyhaupt 2, 620).
26 A.H. Francke, Buß=Predigt ueber Ps. LI, v. 11, 12, 13. darinnen Der KampfF eines Bußfertigen Suenders vorgestellet worden Den 5. Jun. M.DC.XCV. In der St. Georgen Kirche zu Glauche an Halle, Halle [1695] (vgl. Francke, Predigten 2, 15—41). Die Predigt fordert zu einem in sechs Phasen detailliert beschriebenen Bußkampf auf.
27 Gemeint ist die Reise nach Erfurt, Gotha und Arnstadt (s. Z. 4-24 und Anm. 1).
28 Anna Francke (25.7.1635-Apr. 1709), geb. Gloxin in Lübeck; 1651 Eheschließung mit Johann Francke (1625-1670) in Lübeck, 1666 Umzug nach Gotha (Kuamer, Beiträge, 24—27).