Nr. 108 A.H. Francke an Ph.J. Spener 8. 6. 1695
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hart, daß ich in meiner Gemeine vielen, welche ich doch für Gott erkenne, daß sie sind Verächter und Lästerer, und daß sie ein Judas Hertz gegen mich tragen 17 , die Vergebung der Sünden verkündigen sol. Ach! Gott erlöse doch 30 einmahl seine Knechte vom Beichtstuhl. 18 Equuleus est servorum Dei, mar- tyrium conscientiarum, illusio animarum, revocatio verbi praedicati, perversio ordinis divini. In corruptissimo caetu omnes sine discrimine absolvere, modo ore hypocritico qualiacunque prae se ferant poenitentiae signa, quantum nefas et dedecus! Ich mag Pflaster drauff schmieren wie ich wil, so wil alles nicht 35 helfFen, Gott mag helffen!
So es dem Herrn gefiele, mir den lieben Freylinghausen 19 zum Adjunctum zu geben, hätte ich wenigstens socium querelarum et calamitatum, zweiffeie doch auch nicht lucrum animarum würde größer seyn. Aber so lange man es auff die Genehmhaltung der Gemeine, die von bösen regiret wird, und sich 40 von bösen leichtlich immer mehr verhärten läßet, ankommen läßet, ist nichts zu hoffen. 20 Wolte man aber die Billigkeit meines Ansuchens ponderiren, und mir einen Adjunctum in Pastoratu zur Erleichterung und Förderung meiner beyden Ämter salvis omnibus privilegiis meiner Gemeine geben, so würde die Sache bald abgethan seyn. Denn es sind Leute die durch alle Vorstellungen 45 nur trotziger werden, und allein durch obrigkeitliche Autoritaet und Gewalt zu recht zu bringen seyn. Kan man in Rath u. That etwas beytragen, so werde Gott darüber preisen. 21
Beygehendes an Herrn Hoff=CammerR[ath] Krauten ist auch deswegen geschrieben. 22 Gott thue was sein Wille ist, und gebe mir nur ein frölich 50
33 caetu ] coetu: D. 34 ore ] —D. 34 poenitentiae ( impoenitentiae. 41 ankommen läßet, ]-D.
17 Judas Iskariot- der Jünger, der Jesus verriet (Mt 26,14—16. 47-49 par).
18 Die Konflikte Franckes mit seiner Gemeinde wegen der in seinen Augen zu laxen Beichtstuhlpraxis bestanden seit Franckes Amtsantritt in Glaucha (vgl. Briefe Nr. 28—35, Nr. 55, Anm. 45 und Nr. 92, Z. 49-53).
19 Johann Anastasius Freylinghausen (s. Brief Nr. 94, Anm. 5).
20 Das Konsistorium hatte Francke am 23.5.1695 die Stellungnahme der Glauchaer Gemeinde vom 28.3. zur Adjunkturfrage zugesandt. Auf diese Weise hatte er erfahren, daß die Gemeinde der Adjunktur Freylinghausens weiterhin nicht zustimmte, sondern die Diskussion zum Anlaß genommen hatte, sich grundsätzlich kritisch zu Franckes Pfarramtspraxis zu äußern (vgl. Brief Nr. 106, Anm. 12). Zudem hatte der Oberamtmann Johann Brandis (s. Brief Nr. 29, Anm. 6) am 22.5. den im Reskript vom 4.3. geforderten Bericht über Lehre und Leben Freylinghausens (s. Brief Nr. 100, Anm. 4) eingesandt; da Brandis darin aber „der Gerichte und Eingepfarreten Partey genommen" (PfA St. Georgen A 4, Nr. 32c: A.H. Francke, Kurtzer Bericht [...], 3.12.1695), wurde dieser Bericht nicht an die Regierung weitergeleitet (vgl. Friedrich III. an das Konsistorium, 10.12.1695, ebd., Nr. 33). Francke unternahm aufgrund der negativen Voten in der Sache der Adjunktur bis Dezember 1695 nichts (vgl. Anm. 21 und Brief Nr. 111, Z. 21-26 und Anm. 10).
21 Spener antwortete mit konkreten Ratschlägen in der Adjunktursache erst am 19.10.1695 (vgl. Brief Nr. 110, Z. 31-75 und Anm. 16).
22 Ein Schreiben an Christian Friedrich von Kraut (s. Brief Nr. 13, Anm. 4) legte Francke dem Brief offenbar doch nicht bei (vgl. Z. 71—74).