Nr. 110 Pli.J. Spencr an A.H. Francke 19.10.1695
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das Herr D. Brückner sich durchgerißen 7 , vielleicht hören wir von Herrn L. Scheelzen 8 gleiches. Der Herr aber wolle so wol ferner helffen, als sonderlich diese gute leute von andern mißlichen meinungen reinigen, darmit wo noch ferner leiden kommen, man lauterlich um seiner Wahrheit, nicht aber auß einiger eigener sich darzu gefundener schuld, zu leiden das zeugnus habe. 9
Die warnung vor Herrn Henrichen 10 ist zu rechter stunde gekommen: daß ich soviel vorsichtiger mit ihm reden können. Er sprach mich um eine predigt an, ich konte mich aber mit Wahrheit entschuldigen, das zwahr wegen einer investitur vor mich predigen laßen müßte, aber Herrn Reinold 11 bereits auffgetragen hätte. Er wolte vor keinen widrigen angesehen werden, und entschuldigte alles, sonderlich das er nie wider nichts als das bekantlich böse und sich hervorgethane irrthumen gepredigt. Da er aber nachmal vor Herrn Schindlern 12 im Closter predigte, lobte er (so mir zur bravade mag geschehen sein) auff der cantzel Herrn D. Schelwigen 13 als einen vor die Wahrheit eiff-
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gesandt (SBPrKB, Nachlaß Francke, Kaps. 22: 9). Daraus geht hervor, daß dieser zum Anlaß für neue Auseinandersetzungen zwischen Pietismusanhängern und -gegnern geworden war, die sich seit dem Erscheinen der Wittenberger Christ=Lutherischen Vorstellung (s. Anm. 4) und Johann Benedikt (II.) Carpzovs (s. Brief Nr. 12, Anm. 16) neuen Veröffentlichungen (s. Brief Nr. 107, Anm. 4 und 5) angebahnt hatten (zur bisherigen Entwicklung in Gotha s. Briefe Nr. 10, Z. 4—17, Nr. 38, Z. 30—43 und Nr. 71, Anm. 13). Francke hatte in Gotha einige Anhänger zu gemeinsamen Gebets- und Erbauungsstunden gesammelt; gegen diese Versammlungen, wie sie auch Johann Hieronymus Wiegleb (s. Brief Nr. 8, Anm. 15) im Gymnasium hielt, richteten sich die öffentlich vorgebrachten Klagen. Es folgten Verhöre Wieglebs wie auch von Schülern und Personen, die an Franckes Betstunden teilgenommen hatten (z.B. Johann Ernst Gerhard und Johann Müller, vgl. Brief Nr. 108, Anm. 6 und 7). Wieglebs Absetzung als Subkonrektor des Gymnasiums wurde erwogen. Mitte Oktober waren die Untersuchungen durch eine Kommission, die auf den Hete- rodoxievorwurf vor allem gegen Wiegleb hinauszulaufen schienen, noch nicht abgeschlossen (vgl. Heinrich Fergen an Francke, 21.7. und 16.10.1695, SBPrKB, Nachlaß Francke, Kaps. 9/10: 3f; vgl. Wotschke, Vockerodt, 52—55). — Was Spener vermutlich von Gottfried Heinrich (s. Anm. 10) über die Entwicklung in Erfurt erfahren hatte, wurde nicht ermittelt (vgl. aber Z. 107—110).
7 Auf welche Informationen über den Gothaischen Hofrat Hieronymus Brückner (s. Brief Nr. 38, Anm. 31) sich die Bemerkung bezieht, wurde nicht ermittelt.
8 Nicht ermittelt.
9 Vgl. lPetr4,15f.
111 Gottfried Heinrich (9.5.1670-1732), geb. in Berlin; Studium in Leipzig, 1692 Pfarrer in Altenbeichlingen, 1693 Diakon und 1694 Pfarrer an St. Andreas in Erfurt; 1699 Rücktritt wegen eines „crimen adulterii"; Pfarrer der deutschen Gemeinde in Kopenhagen, dann in Den Haag (Pfarrerbuch Erfurt, 178; vgl. Z. 107-110 und Brief Nr. 180, Z. 9-13).
11 Wohl Jakob Reinhold (11.2.1668-6.8.1697), geb. in Wugarten in der Neumark; 1690 Studium in Leipzig, 1692 in Halle; 1693 Informator in Berlin, zuletzt bei Georg Rudolph von Schweinitz (Matrikel Leipzig, 353; Matrikel Halle, 351; Ph.J. Spener, Leich=Predigten, Achte Abtheilung, Frankfurt a.M. 1698, 508-546 [vgl. Grünberg Nr. 132]).
12 Johann Schindler (12.11.1656-20.3.1711), geb. in Berlin; 1677 Studium in Leipzig, 1685 dritter Diakon, 1691 zweiter Diakon, 1695 Archidiakon an St. Nikolai in Berlin (Matrikel Leipzig, 389; Pfarrerbuch Brandenburg 2/2, 748).
13 Samuel Schelwig (s. Brief Nr. 105, Anm. 9).