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Nr. 112 Ph.J. Später an A.H. Francke 10. 12. 1695
sache fast von denen im übrigen Christlich gesinnten mehr als den offenbahr bösen hindernus gemachet wird: so ich leider vor dem in Franckfurt am Mayn auch erfahren, also das in Wahrheit zu sagen kan, da eine Zeitlang das werck des Herren mit großem segen daselbs fortgieng, das einiger bester seelen Separatismus gleichsam als ein kaltes waßer in den Sud gegoßen, alles nidergeschlagen und in stecken gebracht hat 13 : so mir ein betrübtes göttliches gericht zu sein vorkommt. Nach dem aber geliebter Bruder sonder zweiffei mit den personen bekannt sein wird, solle nicht durch deßen kräfftige zusprach etwas bey ihnen außgerichtet werden, sie in die Ordnung zubringen? Der Herr sehe doch drein, und steure dem ärgernus sovielerley arten allenthalben.
Wie gehets mit den Monaten 14 ? Ich habe derselben 7 und wird lunius der letzte sein. Ich bekam nechstens von einer alten Adelichen im übrigen Christlichen Jungfrau auß Sachsen ein schreiben, darinnen sie sich sehr, und mehr als über einiges andre, über solche monate beschwehret 15 ; muß ihr von Theologen sehr schrecklich vorgemahlet sein. Ich muß ihr aber nechstens sehen zu antworten. 16 Dieses mal nechst empfehlung in des großen Gottes treue obhut und regirung verharre
28 /wird/. 30 /daselbs/. 36 steure ] + (doch).
(„Das erste Schreiben", o.D.), 497—502 („[...] zweyte Beantwortung An die Herrn Consistorialen in Merseburgk auff das Was den 13. Novemb. 1695 wider Ihr ergangen. Eingereichet den 25. 9ber. 1695."), 503—562 („Drittes Schreiben [...] nach vorher gehender Inquisition [...]", 1. Advent 1695, vgl. Leube, 262—266) und 623—642 („Das Leben und Information [...] meines lieben Praeceptoris Johann Georg Schilling", September 1695). Wie aus dem 3. Brief hervorgeht, hatte die Befragung vor dem Merseburger Konsistorium am 25.11.1695 stattgefunden (zum Fortgang der Ereignisse s. Brief Nr. 114, Z. 22—24 und Anm. 10). — Mehrere Schreiben Tostlöwes und Schillings aus dem Jahr 1695 erschienen im Druck (Ch. Tostleven, Einige Schrifften, o.O. 1695 [vh SUB Göttingen]). Weitere Kopien der vermutlich in den Merseburger Konsistorialakten befindlichen Originalschreiben Tostlöwe und Schilling betreffend befinden sich in der SUB Göttingen (Acta pietistica, Vol. VI, Nr. 25-34. 38. 41; vgl. auch Ritschl 2, 196-199).
13 Im Jahre 1676 hatte sich in Frankfurt Johann Jakob Schütz (1640—1690), der die Collegia Pietatis mit angeregt hatte, mit einigen Freunden von Gottesdienst und Abendmahl getrennt und war somit zum ersten Vertreter eines Radikalpietismus im Luthertum geworden (Wallmann, 299-324). Ein Teil der Frankfurter Separatisten war 1683 unter Führung von Franz Daniel Pastorius (s. Brief Nr. 99, Anm. 25) nach Pennsylvanien ausgewandert. Spener, der 1685 zum Separatismus grundlegend Stellung bezog (Der Klagen ueber das verdorbene Christenthum Mißbrauch und rechter Gebrauch/ [...], Frankfurt 1685), blieb zugleich ratlos gegenüber diesen Entwicklungen: Er konnte sie einerseits nicht gutheißen, mußte andererseits aber zugeben, daß sie gerade von denen getragen wurden, die den Bemühungen um pietas in seinem Sinn am nächsten standen oder gestanden hatten (vgl. Bed. 3, 573-575 u.ö.; LBed. 3, 116-118. 172-175 u.ö.; Grünberg 1, 198-203).
14 Observationes biblicae (s. Brief Nr. 98, Anm. 20).
15 Nicht ermittelt.
16 Speners Antwort datiert vom 29.1.1696 (Bed. 3, 951-956).