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Nr. 115 Ph.J. Später an A.H. Francke 29.2. 1696

nechst einen wehemütigen brieff auß Dreßden bekommen, da auch wegen

15 geliebten Bruders geschrieben wird, das er auff diese meinung verfallen solte sein 3 , mit schmertzlichem bedauren, wo solches noch außkommen solte, wie die feinde der Wahrheit darüber frolocken, und vollends die Hallische uni- versitet in mißcredit setzen würden: Wie ich auch versichern kan, wo selbs dergleichen hier bey hoff kund werden solte, daß es gewiß gantz auß sei, und

2o die widriggesinnte, Gott wolte dann wunder in der sache thun, völligen sieg zu deßen Unterdrückung erhalten, ja uns übrige alle mit solchem argwöhn, der uns nicht weniger niderschlüge, beladen würde. Daher bitte ich um Christi willen, sowol selbs die sache vor Gott zu überlegen, ob derselbe seine scrupul gar überwinden könte, als auch da solches noch nicht geschehen könte, sich

25 wenigstens zuhüten, damit niemand, sonderlich unter studiosis, darvon hören mögte, wie gleichfals diejenige, die etwa bereits darvon wißen möchten, zu aller stille anzuweisen. Der Herr aber gebe selbs weißheit, und lehre uns was Wahrheit u. liebe erfordert.

Nechst dem habe auch communiciren sollen, was mir ein berühmter

3(i Theologus auß dem Reich geschrieben 4 , so also lautet: In lacrymas prope soluti fuere quidam pii et docti Viri, cum Dn. Franckii insultus in Biblicam B. Lutheri versionem animadvertissent. Per hunc igitur virum B. Bugenhagio 5 non amplius licuisset, textum translationis celebrare. 6 Speramus autem eum non aspernaturum monita Celebferrimi] Dassovii. 7 Retrahe quaeso virum

35 a continuatione laboris perniciosi. Quod si Te vel Dassovium non esset auditurus, paratus est ipsi novus adversarius, cui poenas inscitiae et temeritatis dabit. Nihil detraham eruditioni ipsius, certus autem sum eum antagonistam

19 /hier/. 37 sum ]+ (i...(?)).

3 Vermutlich handelt es sich um einen Brief von Henriette Katharina von Gersdorf (s. Brief Nr. 5, Anm. 10), die sich auch Francke selbst gegenüber ausfuhrlich kritisch zur Auffassung der Petersens vom Chiliasmus (s. Brief Nr. 110, Anm. 43) äußerte (AFSt/H C 18: 1-8).

4 Nicht ermittelt. Vermutlich ist ein Theologe aus Ober- bzw. Süddeutschland gemeint.

5 Johannes Bugenhagen (24.6.148520.4.1558), geb. in Wollin in Pommern; 1502 huma­nistisches Studium in Greifswald, 1504 Rektor der Stadtschule in Treptow an der Rega, 1509 Priesterweihe und Vikar an der Marienkirche ebd.; 1521 Studium in Wittenberg, 1523 Pfarrer an der Stadtkirche in Wittenberg; 1533 Dr. und Prof. theol. ebd. (DBA 164, 82-112; ADB 3, 504-508; Jöcher 1, 1470-1472; TRE 7, 354-363; RGG 4 1, 1852f). - Bugenhagen, der Freund und Seelsorger Luthers, sorgte für die Verbreitung der Wittenberger Reformation vor allem als Visitator und Kirchenorganisator des niederdeutschen und skandinavischen Raums (Kirchen­ordnungen z.B. für Braunschweig [1528], Pommern [1534], Dänemark [1537], Holstein [1542], Braunschweig-Wolfenbüttel [1543]) einschließlich der Sorge für Schulen und Landesuniversitäten wie auch der Ubersetzung reformatorischer Schriften ins Niederdeutsche.

6 Francke hatte in seiner Augustausgabe der Observationes Bugenhagen wegen dessen von Luther abweichender Übersetzung der Psalmen als Zeugen für seine Position angeführt (Obser­vationes biblicae [s. Brief Nr. 98, Anm. 20], Augustausgabe, 881f; vgl. Brief Nr. 116, Z. 85-87 und Anm. 28).

7 Th. Dassov, Ad Virum [...] Aug. Hermannum Francke [...] Epistola (s. Brief Nr. 110, Anm. 32 und 33).