Nr. 125 Ph.J. Später an AM. Francke 10. 10. 1696
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Die Visitation gel[iebten] Bruders gemeinde 6 wo sie recht angestellet wür- 20 de, möchte wol zu vieler frucht dienen, hingegen wo sie arglistig und bößlich incaminiret wird, noch mehr schaden thun. Weil mir modus und personae nicht völlig bekant, kan nicht gründlich rathen. Gegen Herrn D. Olearium 8 zu excipiren wäre ursach gnug, aber 1. traue nicht, ob man seine exclusion erhalten werde, weil er Ordinarius ist: 2. sehe nicht wer an seine stelle könte 25 substituiret werden, da man nicht sorgen müßte, das er als offerirt durch denselben doch widerum nicht weniger thun würde, als er selbs vor seine person vermöchte. Also stelle in der forcht des Herrn zu erwegen, ob nicht, wo er allein commissarius oder doch der die sache dirigirte denominirt wäre, rathsamer ihm einen pari potestate zu adjungiren verlangt würde, wie dann 30 jedem theil einen concommissarium zu erbitten erlaubt ist, und solches täglich geschihet. 4 Nebens dem hielte vor dienlich, daß vorher eine völlige Instruction und modus procedendi vorgeschrieben, auch solcher geliebten Bruder communicirt zu werden begehrt würde, seine monita dabey zu thun. 10 Anders wüßte ich nicht, was in obacht zu nehmen wäre: weil mir das geschärft 35 nicht aus dem grund bekant. Der Herr zeige, was zuthun das beste seye, und regire das gantze werck, so die widrige zu stöhrung des guten vorhaben möchten, wider ihre gedancken zu deßen förderung, seinen nahmen soviel herlicher kund zu machen.
Im übrigen wird der Herr Gevfatter] seither D. Schelwigs" sectirische 40 Pietisterey 12 , und wie indigne er darinnen tractiret 13 , gesehen haben: stehet zuerwegen, was dagegen zu thun das rathsamste, und wird der Herr auch
25 /sehe nicht/. 26 /als offerirt/. 27 /doch widerum/. 30 /rathsamer/.
6 Zur 1696 in Glaucha durchgeführten Visitation vgl. Brief Nr. 123, Z. 11—15 und Anm. 9.
7 S. Brief Nr. 59, Anm. 10.
8 Johann Christian Olearius (s. Brief Nr. 20, Anm. 3).
9 Zur Bewilligung der entsprechenden Bitte Franckes s. Briefe Nr. 126, Z. 4—8 und Nr. 127, Z. 3-12 und Anm. 7.
111 Zur Instruktion über den Ablauf der Visitation und Franckes monita vgl. Brief Nr. 126, Anm. 6.
11 Samuel Schelwig (s. Brief Nr. 105, Anm. 9).
12 S. Schelwig, Die Sectirische Pietisterey/ In denen Artickeln/ Vom Verfall der Kirchen/ von der Reformation, vom H. Predig=Ampte/ vom Kirchen=Regimente/ von hohen Schulen/ Professoren/ Ehren=Gradibus, Disputationen und dergl./ von der Philosophie und andern weltl. Studiis, vom Geistl. Priesterthum/ von den Hauß=Versamlungen/ die Collegia Pietatis genandt werden/ Aus Hn. D. Philipp Jacob Speners und seines Anhangs Schrifften Zur Unterricht und Warnung fuergestellet, Bd. 1, Teil 1 u. 2, [Danzig] 1696 (Grünberg Nr. 460). - Die Bände 2 bzw. 3 erschienen 1697 in Hamburg bzw. [Danzig] (Grünberg Nr. 461 f).
13 Schelwig stellt zu den im Titel angegebenen Loci jeweils Zitate aus Werken Speners u.a. „Pietisten" wie auch aus deren Widerlegungen zusammen und lugt eigene Kommentare hinzu. Schriften Franckes werden relativ häufig zitiert, wobei Schelwig über Francke u.a. behauptet: „[...] der Juenger macht sich fast kraeuser als sein Meister" (Schelwig, Sectirische Pietisterey, Bd. 1, Teil 1, 24). Zu anderen Äußerungen Schelwigs über Francke vgl. Brief Nr. 123, Anm. 5.