468 Nr. 125 Ph.J. Später an AM. Funcke 10.10.1696
125. Ph.J. Spener an A.H. Francke
Berlin, 10. Oktober 1696
Inhalt
Personalentscheidung der Regierung bei Aufsicht über das Armenwesen laßt sich voraussichtlich nicht beeinflussen. - Visitation in Glaucha könnte durch Beiordnung eines Konkommissars für Johann Christian Olearius günstiger verlaufen. Eine genaue Instruktion sollte vorliegen. — Hat von Breithaupt ein Exemplar seiner Eilfertigen Vorstellung gegen Samuel Schelwigs Sectirische Pietisterey erhalten. - Israel Ciauder ist eingetroffen.
Uberlieferung
A: AFSt/H A 125: 61
D: Kramer, Beiträge, 356-357
In Jesu gnade, friede und sieg!
In demselbigen hertzlichgeliebter Bruder, Hochgeehrter Herr und Gevatter.
Ich habe die beide letzte wol empfangen. 1 Die armen sache sehe gern in anderem stand 2 , aber wie die umstände ansehe, finde zu recht nachtrücklichen
5 anstalten so wenig ansehen, als in andern dingen noch zur zeit mit nichts hauptsächliches durchzutringen ist, sondern man sich nur mit flickwerck be- helffen muß. Es manglete an mittein nicht, wo man nur leute, die gern wolten [?], mit soviel autoritet außrüstete, das sie was sie gut und nöthig zu thun vermöchten thun dörfften. Ja es würde nicht eben bedörffen der Kirchen capitalia
in anzugreiffen 3 , und sich doch gute anstalten machen laßen. Herrn geh[eimen] Rath von Schweinitz 4 (der Donerstag angekommen, ich ihn aber noch nicht anders als nach dem examine in der Kirche gesprochen) habe unterschiedlich zu der sache in Vorschlag gebracht, man hats auch eben nicht bloß refusirt, aber man wirds schwehrlich thun. 5 Die curae werden leuten überlaßen, die es
15 ohne liebe, ungern und deswegen nicht einmal selber thun, hingegen andern es nicht gönneten, die es gern, mit freuden und großer Sorgfalt thun würden. Etwas wills hie darinnen ein beßer ansehen gewinnen, doch weiß ich nicht, wieviel ich mir versprechen soüe. Trage sonsten gern bey, wo mir Gott eine gelegenheit zeiget.
5 /mit/. 8 /sie/. 9 /thun dörfften/. 13 /zu der sache/.
1 Franckes Briefe vom 12. und 28.9.1696 (Briefe Nr. 123 und 124).
2 Zu Franckes Vorstellungen von einer geordneten Armenversorgung s. Brief Nr. 124.
3 Francke hatte kritisiert, daß das Kapital der Stadtgemeinden nicht zur Versorgung der Armen verwendet werde (s. Brief Nr. 124, Z. 30-40).
4 Georg Rudolph von Schweinitz (s. Brief Nr. 30, Anm. 5).
5 Zu Franckes diesbezüglichem Vorschlag s. Brief Nr. 124, Z. 7—19.