Nr. 129 AM. Francke an Ph.J. Spener 1. 12. 1696
479
Es haben sich auch bereits einige weisen lassen, insonderheit die um grober Unwissenheit willen von uns abgewiesen worden, und unser Unterweisung überhoben zu seyn, in die Stadt gelauffen, und wollen nun Unterricht von uns annehmen, Gott wird es dann auch ja zur kraff[t] kommen lassen. Etliche 20 aber laßen uns sagen, sie wollen nicht kommen, wenn wir sie fordern laßen, und beharren in ihrem verstockten Wesen nach wie vor, ja sie haben eine rechte conspiration untereinander, darauff sie sich auch beruffen, und sagen, was einer thut, das wollen sie alle thun. Heute ließ einer noch dabey melden, die BürgerschafFt, welche in die Stadt ginge, wären bei Seiner Churfürstlichen 25 Durchlaucht einkommen. 6 Und solches glaube ich war zu seyn. Weswegen ich die eigentliche Beschaffenheit der Sache berichten wollen, damit, wenn es sich also verhält, man gleich wisse, worauff die Sache beruhet.
1. Es sind keine von uns abgewiesen worden, ohne 1. propter crassam ignorantiam in fundamentalibus fidei articulis. 2. Propter manifesta signa 30 impoenitentiae, da sie nicht zusagen wollen, sich nicht mehr voll zu sauffen, die H. Tage nicht mehr zu entheiligen, sich nicht versöhnen wollen etc.
2. Viele sind gar nicht von uns zurückgehalten, sondern sind aus bloßer Frechheit durch böse Exempel und eigene Boßheit gereitzet von uns gewichen und in die Stadt gegangen. 35
3. In solchem frechen beginnen sind sie sehr durch die Prediger zu S. Moritz 7 gestärcket nicht allein durch ihr unauffhörliches Lästern auff der Rantzel (welches ich jedoch von M. Schubarten 8 nicht zu sagen weiß) sondern auch fürnemlich durch das wiederrechtliche Annehmen meiner Pfarrkinder im Beichtstuhl, welches sie alle drey gethan. Es ist ihnen etliche mahl ernstlich 40 vom Consistorio verboten worden, ich habe es ihnen auch sagen lassen, und die Personen gemeldet, nebst unsren Klagen, die wir über sie hätten, aber sie haben sich an nichts gekehret, daß auch alle verständige Leute in der Stadt sich über solche insolentz und daß es so ungestraffet hingehe, verwundert. Hätte ichs also gemachet, man hätte mich aus allen Churbrandenburgischen 45
20 kraff[t]: cj.
6 Ein entsprechendes Schreiben an Friedrich III. (I.) von Brandenburg (s. Brief Nr. 18, Anm. 11) wurde nicht ermittelt.
7 Außer Pfarrer Christian Nicolai (s. Brief Nr. 34, Anm. 3) amtierten zu diesem Zeitpunkt an St. Moritz: als Diakon Johann Michael Schumann (20.12.1666-21.6.1741), geb. in Weißenfels; 1688 Studium in Leipzig, 1692 Diakon in Mücheln; 1694 Mag. phil. und Pfarrsubstitut an St. Moritz in Halle, 1695 Diakon und 1709 Pfarrer und Scholarch ebd., 1719 Konsistorial- und Kirchenrat sowie Prof. theol. am Gymnasium in Weißenfels, wo er 1723 das Weißenfelser Gesangbuch herausgab; 1737 Oberhofprediger in Weißenfels sowie Oberkirchen- und Konsistorialrat und Generalsuperintendent des Fürstentums Querfurt (DBA 1154, 232-240; ADB 33, 40; Jöcher 4, 387; Matrikel Halle, 409; Dreyhaupt 2, 718; Koch 5, 521-523); als Adjunkt Elias Andreas Schubart (s. Anm. 8).
8 Elias Andreas Schubart (1.6.1660-8.8.1718), geb. in Halle; 1688 Diakon an St. Laurentius in Neumarkt, 1690 Adjunkt an St. Moritz in Halle, 1696 Pfarrer an St. Laurentius (Dreyhaupt 1, 1088; Auskunft Pfarrerkartei der KPS).