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Nr. 131 Ph.J. Spener an A.H. Francke 16.2.1691
Auff dieses hat seine vergangenen Sontag 8 tag 5 mit ihm fast ungewöhnlichen geist der liebe u. sanftmuth gehaltene vesperpredigt, da er sein hertz etwas außgeschüttet, einige gemüther besänfftiget, aber den meisten und härtern, sonderlich wegen des noch darzu gekommenen kein gnüge gethan. Als der rath mit mir conferiret 6 , gieng es meistens dahin, daß er entweder seine gewöhnliche beicht wider antreten oder des beichtens sich gantz abmüßigen solte, wie ich denn darmit wol zufrieden wäre, auch hoffe, das die das meiste zu sagen haben, darauff auch bestehen werden. Es sollen aber die entzündete bürger damit nicht zufrieden sein, sondern haben wollen, das er entweder seine ordenliche beicht wider antreten oder gar des dienstes quit gehen solle.
Was aber die gantze sache noch intricater machet, ist, das das geschrey außgebrochen, das er 2 mägdgen von 14 jähren, so in sein examen gegangen, selbs mit ruthen gestrichen 7 : welches nicht nur sonsten edictissime unter den leuten, und mit andern grausamen lästerungen, herumgehet, das auch weiber ihm [?] trohen auff der gaßen mit steinen anzugreiffen, sondern es haben es die stattverordnete auch selbs bey rath angegeben, welche die mägdgens auff das rathhauß gefordert, examinirt u. das geständnus derselben samt der einen mutter auffgezeichnet 8 . Nun hat zwahr der liebe bruder solches in hertzlicher einfalt und in absieht ihnen die lügen durch erinnerung dieser straffe zu verleiden vorgenommen, auch sowol ihnen selbs versprochen, das es niemand erfahren solte, als auch sich gleiches versprechen laßen (daher er auch erstlich ob fidem secreti solches nicht zugestanden, daran sich aber widerum andre gestoßen): aber über einer solchen re insolita, die einem prediger nicht anstehe, ist alles alarmirt, so gar das auch leute, die ihn sonst lieben, und über das beichtwesen eben noch nicht sonderlich stutzig worden, darüber sehr alteriret sind, und was man ihnen saget, sich fast nicht wollen bedeuten laßen. Ja es macht diese sach andern offenbahren lästrungen nicht wenig credit, der fast sein gantzes amt schläget. Insumma es ist alles communis fabula vulgi. Wie nun der liebe Mann selbs sehr nidergeschlagen u. betrübt ist, kan geliebter Bruder leicht erachten, wie mir dabey zu muth u. was meine leiden seyn. Ach wäre Halle etwa nur 8 oder 10 meilen von hier, das geliebter Bruder zu uns
18 des(?) ( d ...(?) 1 das: D. 18 beichtens(?) ( beicht...(?) ] beichtsitzen: D. 18 /sich/ ] - D. 22 /ordenliche/. 34 zugestanden + ()}.
5 7.2.1697.
6 Ein Protokoll oder Bericht der Unterredung Speners mit dem Magistrat ist nicht überliefert.
7 Die ausführlichste Schilderung des Vorgangs liegt offensichtlich in dem Postscriptum zu einem Brief Speners an Anna Elisabeth Kißner vom 20.4.1697 vor (AFSt/H D 107: 708-710 [Abschift]). Daraus geht hervor, daß Schade zwei Mädchen im Alter von 13 bis 14 Jahren in seiner Studierstube körperlich gezüchtigt hatte, weil sie die Katechismusstunden versäumt und gelogen hatten. Schade hatte sie daraufhin vom Katechismusunterricht ausschließen wollen, sie hätten aber bereut und um die Züchtigung gebeten (vgl. Obst, 47-49).
8 Nicht überlierfert.