Nr. 131 PhJ. Später an AM. Francke 16.2. 1691

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kommen, sonderlich aber nechst anderem guten rath ihn selbs recht in die schrancken zu bringen einen kräfftigen Zuspruch thun könte, so hoffte vielem 45 geholffen zu sein. 9 Soviel hoffe nun bey denen, so die mächtige hand haben, erhalten zu haben, das er gegen gewalt schütz finde, und bey dem amt bleibe, auch des beichtsitzens insgesamt befreyet werde, wann er sich nur recht, von denen die wirs gut mit ihm meinen, in dieser sache leiten laßet:

1. Das er sich nicht, wie er anfangen will, auch des administrirens des 50 H. abendmahls entbreche: denn wo er darauff beharren solte, sehe ich keinen rath, in dem die andre beide collegae 10 , ob sie beide gesund sind, geschweige wo einer kranck würde, die communion vor u. nach der predigt nicht ver­richten können.

2. Das er wo er des beichtsitzens überhoben, seiner Herren collegen werck, 55 das sie den beichtstuhl noch fort gebrauchen, unbeurtheilet laße. Wo ich sehr sorge, es werde sehr schwehr werden an sich zu halten.

3. Das er doch einigen unbesonnenen eifferern, die wie der bekante alte Michaelis 11 , alles überhauffen werffen wollen, bey sich soviel platz nicht laße. Dann wann der liebe mann einmal gantz zu einer ruhe u. sanfftmuth 60 gebracht worden, überlauffen ihn diese, sprechen ihm zu, das er von seinem eiffer ablaße, solle sich vor menschen u. vor leiden nicht scheuen, und ängsten damit das ohne das geängstete hertz. Wie sich denn einer gerühmt, das er ihn

zu der harten predigt 2. pfostj Epiph[aniam] welche den lermen gemacht 12 , animirt habe. 65

48f /(sich) von denen/ : (wie etwa). 67 /weiter/.

9 Francke hatte eine offenbar von Schade selbst geäußerte Bitte um Hilfe im November 1696 zurückgewiesen:Ihr habt dort euren Kampff, u. wir hier unsren [...]. Wollet ihr von uns Hülffe haben, wer hilfft uns denn?" (Francke an Johann Caspar Schade, 16.11.1696, AFSt/H A 135: 58). Mitte März 1697 reiste er aber nach Berlin, um mit Schade zu sprechen (vgl. Brief Nr. 133, Anm. 1).

10 Johann Schindler (s. Brief Nr. 110, Anm. 12) und Johann Paul Astmann (s. Brief Nr. 110, Anm. 65).

11 Johann Michaelis (21.6.1638-1718), geb. in Wittenberg; 1654 Gymnasium in Görlitz, 1658 Famulus in Leipzig, ca. 1659 Rektor in Golsen in der Niederlausitz, 1670 Prediger in Ahlsdorf, 1675 Amtsaufgabe und Aufenthalt in Jüterbog; 1677 Pfarrer in Jänickendorf, 1680 in Serno, 1682 Amtsentsetzung; 1683 Informator in Lauban, 1686 Leiter einer Privatschule und Kontakt zu Spener in Dresden; lebte ab ca. 1690 in Hamburg (DBA 843, 269-283; Jöcher 3, 513; Pfarrer­buch Brandenburg 2/2, 556). Michaelis verfaßte einige Lieder und zahlreiche separatistische Schriften, von denen nur wenige überliefert sind (z.B. J. Michaelis, Das Thierische Christenthum/ Oder Babylonische Christenheit/ [...]: Nebenst einem Tractaetlein/ Die Babilonische Reuterey genannt, o.O. 1693; ders., Lutherus Redivivus, o.O. [1696]). Spener hielt ihn für einen blinden Eiferer, der rechtschaffenen Leuten schade; man müsse mit ihm Mitleid haben (LBed. 3, 313318 [17.8.1687]. 422-427 [18.9.1700 u. 15.12.1701]).

12 In seiner Predigt zum 2. So.n.Ep. hatte Schade die Grundgedanken seines Traktats Vom Conscientia erronea (s. Brief Nr. 118, Anm. 3) wiederholt und über seine Gewissensnöte bei der herkömmlichen Beichtpraxis gesprochen (vgl. Obst, 45).