Nr. 132 Ph.J. Spener an A.H. Francke 27.2.1697
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dann billiche conditiones sind. Dergleichen widerholte auch Herr Präsidfent] 15 v[on] Fuchs 8 , der zwahr wegen der castigation der 2 mägdgens 9 sehr alterirt war. Ich werde nun dieser tagen auff das rathhauß deswegen gehen, u. sehen, was außzurichten. 10 Herr Propst Lütken" aber opponirt sich nun am hefftig- sten, und meint, das er bey dieser bewandnus in dem ministerio nicht stehen könne, und will mit gewalt die sache vor das consistorium gezogen haben, 20 da kein gutes urtheil fallen dörffte, sie auch auff eine universitet u. etzliche Theologos schicken. 12 Sorge von ihm noch viele ungelegenheit auß der sache, wo es Gott ihm verhengt. Spricht, Gott werde ihn ohne das auff eine oder andre art bald auß Berlin erlösen, und laßen sich auch die seinige von anderer bevorstehender vocation 13 vernehmen. 25
Wann nur Herr Schade selbs dahin gebracht werden könte, sich recht zu- begreiffen. Aber man kan ihn nicht überzeugen, das er in einigem der dinge unrecht gethan zu haben, recht glaubte: daher ist er zwahr nidergeschlagen, aber sucht alle schuld nur bey andern. Wolte sich auch der administr[ationis] S[anctae| coenae nach der predigt (welche commumon doch allezeit sehr 30 schwach) entschlagen: doch hat ers endlich übernommen, wiße aber nicht, wie lang es ihm sein gewißen zulaßen werde: so kan man auch keine rechte categorische antwort von ihm bekommen wegen des enthaltens des truckens u. bestraffung des beichtstuhls (von Seiten der prediger) auff der cantzel. Daß ich daher immer seinetwegen in sorge stehn muß, das er einmal plötzlich 35 wider außbreche, u. nachmal das übel ärger werde. Ach wie gut wäre dem lieben mann die regel des Molinos 14 , eines directoris spiritualis anleitung
8 Paul von Fuchs (s. Brief Nr. 95, Anm. 4). ' S. Brief Nr. 131, Z. 23-40 und Anm. 7.
10 Spener wandte sich am 1.3.1697 mit dem Anliegen, die gegen Schade erhobenen Vorwürfe zu entschärfen, schriftlich an den Magistrat (GStA PK [wie Anm. 4], Bl. 14—15 r ; vgl. Aland, 131—134 und Obst, 56-58). Darin distanzierte er sich vor allem von Schades unter Umgehung der Zensur gedruckter Flugschrift Vom Conscientia erronea (s. Brief Nr. 118, Anm. 3), von den eigenmächtig vorgenommenen Änderungen in der Beichtzeremonie (s. Brief Nr. 131, Anm. 3) und der Züchtigung der Mädchen (vgl. Brief Nr. 131, Anm. 7). Zugleich warb er um Verständnis für Schade als einen Menschen, der aus Anfechtungen und Gewissensängsten heraus handle und nicht gegen Ordnungen verstoßen wolle. Man solle sich in der Beurteilung an seinen guten Gaben orientieren.
" Franz Julius Lütkens (s. Brief Nr. 44, Anm. 38).
12 Vgl. Lütkens an Spener, 27.2.1697, abgedruckt in: Samuel Schelwig, Die Sectirische Pietisterey (s. Brief Nr. 125, Anm. 12), Bd. 3, 166-172.
13 Nicht ermittelt.
14 Miguel de Molinos (get. 29.6.1628-28.12.1696), bedeutendster Repräsentant des Quie- tismus; geb. in Muniesa in der spanischen Provinz Teruel; Studium am Jesuitenkolleg San Pablo in Valencia und Kleriker an San Andres ebd., 1652 Priesterweihe; ab 1663 Aufenthalt in Rom; 1675 Veröffentlichung der Guia espiritual (s.u.) und in der Folge Auseinandersetzungen mit der jesuitischen Gegnerschaft; 1685 Gefangennahme, 1687 Verurteilung zu öffentlicher Kirchenbuße und lebenslanger Haft (TRE 23, 203-205; RGG J 5, 1401; Jöcher 3, 598f; EB 4, 1933f; J.I. Tellechea Idi'gokas, Molinosiana. Investigaciones histöricas sobre Miguel Molinos, Madrid 1987; Brecht, Francke, 442-445). - M. Molinos, Guia espiritual, que desembaraza el alma y la conduce por el interior Camino, [...] Rom 1675 (vgl. J.I. Tellechea Idi'goras, Introducciön